Die Abschaffung von Erfurt ist eine von Schlaflosigkeit und Erfurt ausgelöste Abschaffung des Ichgefühls, wie als hätte die Schlaflosigkeit Erfurt aus dem Ichgefühl subtrahiert. Erfurt ist vollkommen aufgeweicht von der fundamentalsten Behauptung, die ich jemals unter meinem Bett gefunden habe: es gibt mich nicht, es hat mich nie gegeben und es wird mich niemals geben: denn ich bin weder mein Gehirn noch mein Schreiben noch meine Stimme noch meine Vergangenheit, ich bin nicht mein Körper und nicht mein Name. Aufgeladen mit allen Missverständnissen, die dem Begriff Kunst innewohnen und in fröhlicher Ermangelung einer endgültigen Form stelle ich mich in Opposition, ungreifbar, aber erfahrbar, wie die Liebe, wie das Morgenrot, wie ein Autounfall.
Die Menschheit muss sich öffnen wie eine Blüte, muss empfindlicher werdend immer näher zusammenrücken, sich ankuscheln an eine gemütliche Zukunft, ein gemeinsames Ruhekissen, einen gepolsterten Keller voll kreativer, verlorener, unendlich offener, gereizter Menschen, eine einfache, politische Vision, ein schönes, freundliches Blumenbeet, herzliche, stabile, weltweite Solidarität, gestützt auf ein humanes, gerechtes Steuersystem, inspiriert von einer aufgeklärten, offenen, experimentierfreudigen Kultur. Das Was ist wichtiger als das Wann. Europa braucht ein progressives, heiteres, optimistisches, skeptisches, psychedelisches, insomnisches, offenes, stabiles Netzwerk. Werte sind wichtig, Werte machen Spaß, Werte sind Werkzeuge. ALLE Menschen brauchen Führung. Statt einer Partei, einem Präsidenten, einem Rattenfänger, einem Gott zu folgen, statt Opfer zu bringen, statt sich einer vertikalen Hierarchie zu unterwerfen, sollen sie sich lieber in kleinen Gruppen organisieren, sich an Gleichgesinnte anlehnen, solidarisch Probleme aushalten und an Lösungen arbeiten oder so großspurig, zerrissen und wild wie möglich scheitern. Das Wann ist wichtiger als das Wer. Zu allererst: keine Endlösungen mehr! Kein Vertrauen! Keine Anbetung! Alles muss unter allen Umständen offen bleiben. Ich möchte mich an ein soziales, weltweites Netzwerk kreativer Menschen anlehnen können. JEDER möchte sich daran anlehnen, wenn es etwas bringen würde. Das Warum ist wichtiger als das Wie. Ich ziehe den ganzen Tag meine Runden durch die Stadt. Ich trage einen weißen, überdimensionalen Pullover. Ich möchte von Leuten angesprochen werden, die mich brauchen. Ich möchte aussehen wie jemand, der sich vernetzen will mit lieben, offenen Menschen. Das Wohin ist wichtiger als das Woher. Die Zeit der Depression ist vorbei. Die Manie macht alles klar. Der reine Rausch
der Manie macht alles klar. Ich spüre sie einschlagen. Eine frische, freundliche, orgiastische Reinigung Europas. Dieses wunderbare Europa. Diese Idee einer bunten Wiese, wildes, besinnungsloses Blühen. Ich bin eine Blume und freu mich, dass ich blühe. Ich bin unendlich konzentriert auf diese Idee. Alle manischen Menschen vereint im seligen Schweiß wie wahnsinnige, schwarze Tiere. Dieses Fest, ein Weltfest, das ist meine Vision, das ist meine Arbeit, das ist meine Aufgabe in diesem Leben.
Der Kaiser von Europa hat sich vom Klassensprecher der 7d reinreden lassen und befiehlt also: vergnügt Euch rund und weich und maßlos! Seid fett und tranig und schreit und tanzt und strahlt. Eine unendlich dichte Party soll es sein: alle sitzen auf der Erde, auf der flachen Erde, auf dem warmen Grund aller Tatsachen. Alle fassen sich an und atmen und kommen zusammen runter. Es gibt nichts was du tun musst hier. Es gibt niemand, der du sein musst hier, es gibt niemanden der etwas von dir erwartet. Du musst gar niemand sein. Du musst gar niemand sein. Sei niemand! Ekstase, Überschaum, kultureller Orgasmus zelebriert im Herzen Europas. Ich bin ein Lichtstrahl von vielen, von allen. Wir ziehen uns extrem kuschelige Kleidung an, ertaumeln uns genügend Raum für die Wiedergeburt Europas. Alles dehnt sich aus und Roger Willemsen ist immer noch bei uns. Wir geben ihn einfach nicht her.
Wir müssen alle Grenzen und Verfassungen und Gesetze neu verhandeln! Alles muss ganz gründlich renoviert werden! Eine einzige Menschheit mit einem einzigen Schicksal.
Ein Gedanke hält meine Hoffnung an eine grundlegende Neuordnung der Welt zusammen (wie fleischfarbne Knetmasse): es ist theoretisch ABSOLUT möglich, dass wir uns alle darauf einigen, alles in Ruhe und mit großer Sorgfalt und Liebe neu zu gestalten, es ist möglich, ja. - Was gibt es für einen großartigen, neuen Kontinent zu bauen! - Die Zukunft ist interessanter als die Vergangenheit, die Möglichkeiten sind wichtiger als die Notwendigkeiten.
Bunten Schaum prahlend und mit bohrenden Insekten-Augen und glühendem Frontallappen sehne ich mir ein neues Europa herbei. Europa ist ein Ambiente- Musik-Orchester, Europa ist eine Blumenwiese, Europa ist die Software für dissoziierte Menschen, Europa ist die Wiege des Humanismus, Europa ist die institutionalisierte Hoffnung der Menschheit auf ein gemütliches, freundliches Leben, Europa ist ein Festival der Menschheit, Europa ist kollektive Euphorie, Europa ist ein kollektives Bewusstsein, Europa ist eine Behauptung und ich behaupte sie. Europa ist eine Idee und eine Idee muss regelmäßig gedüngt werden: Gedanken, die beim Lesen dieses Buches entstehen, sind Dünger für ein neues Europa - wohlgemerkt nicht die Gedanken in diesem Buch. Meine Zuversicht reibt sich die Augen, schlüpft in ihre Pantoffeln und ihren
Bademantel, schlürft zum feierlich aufgebahrten Müsli, der gesund und freundlich leuchtet, mein Herz erschrickt über die schrille Intensität des Alltäglichen, ein übertrieben freundlicher Herzkasper, das dumme Grinsen eines Regenbogens, die schillernde Heruntergekommenheit einer bunten Garage, in der auf rotem, weichen Teppich ein paar geschmackvolle Verlierer über Humus-Wraps und Sonic Youth plaudern, im Fernsehen regt sich meine Mutter über den Bau eines Flüchtlingsheims in der Nachbarschaft auf und was passiert, wenn man es immer weiter treibt und sich gehen lässt, ohne sich zu distanzieren durch Musikmachen, Wortemachen, Bildermachen, Filmemachen, Kindermachen, Häusermachen, Gedankenmachen? - Es ist so anstrengend, Sinn ergeben zu müssen. Ich liege herum wie die leuchtenden Straßen und ein weißes Kopfkissen weit geöffnet wie die Sonne, ich liege auf der warmen Erde und bin aufmerksam wie ein Polizist auf der Suche nach nicht verkehrsfähigen Fahrrädern, ich stehe am Anger wie eine blaue Ampel, ich blinke auf der Suche nach dem Satzanfang, ich verkaufe frische Brötchen und Kaffee, der dich drei Tage wach macht, wenn du vorher einen Liter Grapefruitsaft getrunken hast. Ich bin dein bester Freund, ich möchte neben dir einschlafen. Es lohnt sich wirklich nicht, nach vorn zu schauen, wenn man nicht übersteuert ist von Liebe oder Musik, Angst oder Größenwahn, Gras oder Mate-Tee. Nüchtern die Welt ertragen muss der Luxus der Vermögenden bleiben! Die Armen sind die Propheten zukünftiger Ekstasen... Wir müssen bunte Zaubertränke und verwunsche Wurzelknollen an die Bedürftigen verteilen, solang wir den Glauben an eine schönere, gemütlichere Welt noch aufrechterhalten können. Lasst Euch von Dilirien den Weg in Euer Herz leuchten, dort wo Ihr wohnt und dort wo Ihr mit Anderen verbunden seid... Bürger dieses Staates! Lern Euch kennen! Lasst Euch gehen! Jeder Mensch hat die Pflicht, glücklich zu sein. Für die Unglücklichen ist der Staat da.
Eine Leidenschaft muss so groß sein, dass sie sich nicht in einer Ideologie verfangen kann.
Heiterkeit, Gemütlichkeit, Selbstentfremdung: um jeden Preis müssen diese Werte verteidigt werden von allen Leuten, deren geistiges und körperliches Heil und deren Aktivität und Kreativität davon abhängen. Drogen, solidarische Netzwerke, Reisen, Besessenheit, Aggressivität und Größenwahn sind einige Möglichkeiten, diese Werte zu leben und zu verteidigen. Sprache hilft nur, wenn man sie nicht zurückhalten kann, sie ist niemals Ausdruck echter Entspannung und Heiterkeit. Ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die sich beim Küssen an einen Vorschlaghammer festhalten; und eine schiefe, freundliche, schwarze Violine verbiegt die Unendlichkeit meiner Zimmerecken, ich hoffe meine Mitbewohner werden davon nicht gestört, während ich mir denke, dass ich alles nur ertragen kann, wenn ich es mild belächeln kann. Kann ich meinem Körper vertrauen? Was hat meine Euphorie mit der Wahrheit zu tun? Kuscheln sie miteinander? Sind sie entsetzt? Oder gelangweilt? Ich beantworte die Fragen mit meinem Versuch, alle Gattungen und Medien und Berufe so großmaulig und reißerisch wie möglich zu
verschmelzen. Europa, glückselige Insel eines heiteren, klaren, vitalen, stabilen Humanismus; Kunst und Wissenschaft und Philosophie gebündelt zu einer dynamischen Leitplanke. Der Europäische Puls. Verdichtung. Entspannung. Der Rausch der Langsamkeit, ein Fest der Genauigkeit. Ich sehe mein Selbstgefühl sich auflösen in meinem Zwang, die Melodie jedes Satzes zu finden. Doch ich möchte ganz deutlich sein: Ich möchte kein Sultan werden und kein Taxifahrer werden, ich möchte niemanden hinrichten und nicht hingerichtet werden. Ich möchte einfach nur einen Humuswrap und nach Hause fahren, mich in den Garten legen und den Himmel beobachten, wie er immer dunkler wird und ich immer nüchterner. Wie gut, dass ich keinen festen Namen habe, dass ich keine feste Rolle in der Gesellschaft habe, dass es nur einen sehr dünnen, roten Faden gibt, der sich durch mein Leben durchzieht, wie gut, dass ich meine Fröhlichkeit nicht mit Worten beflecken kann. Europa ist ein Komposthaufen und wir sind die Blumen. Wir wollen eine Blumenwiese sein. Wir sind die Fröhlichen Europäer für die Dissoziierung des Abendlandes: wir arbeiten an der vollständigen Abschaffung der Illusion einer festen, zentralen, übergeordneten Identität. Komposthaufenmetaphern sind wie ausgedrückte Teebeutel: man kann sie an die Decke werfen und beim Trocknen beobachten.
Alles was ich denke ist eine Maschine. Die Knochen der Fabrik leuchten weiß und die Opposition enthält sich. Merkel und Hollande wollen Europa sicherer machen, denn Sicherheit ist eine Sicherheit. Handlungen müssen schneller vollzogen werden, weil der Terrorismus nicht wartet. - Das Wetter ist eine Autorität, die im Süden heiter bis regnerisch um 23 Uhr wiederkehrt. Stau Stau Stau. Kleeblatt wechselt den Radiosender. Manchmal gibt es Stau in der Welt. Zwischen Berghof und Schwarmstedt liegen sieben Kilometer auf der Fahrbahn. Ich verändere gern mein Leben, ich liebe Schlüsselerlebnisse in mehrfacher Hinsicht, ich lasse alle Formen der Orientierung hinter mir, ich lasse mich nicht drängen, ich schlage Brücken in alle Richtungen. Ich steige in Westafrika in ein Boot und überlebe die Reise nach Europa und freue mich über mein Leben und habe Angst um das Leben meiner Familie und schlafe auf einem weichen Bett ein und gebe ein Konzert mit meinen schwarzen Freunden und es kommt Eins zum Anderen; oh ich denke gern, wenn das Zimmer hell erleuchtet ist und ich vertraue gern Menschen, aber überall wuchert das Misstrauen. Kleeblatt ist aufs Dach gestiegen und meldet sich über Walkie-Talkie: "Wir sind international sichtbar, alle können es sehen: wir sind absolut blockiert. Wir müssen ein anderes Gesicht machen, damit uns andere Gedanken kommen!" Ich liebe es, mich bei fröhlicher Musik im Hintergrund in die Perspektive von Leuten hineinzusteigern, die meinen Texten nichts abgewinnen können, so wie ich
nichts meinem Leben abgewinnen kann, außer meiner Phantasie, und für sie nehme ich meine schwarze, schwere Krone von meinem Kopf und dreh die Intensität des Sonnenuntergangs auf Stufe 3 und der grüne Diamant hinter meiner Stirn hält mich in Balance, während ich einbeinig an der Kreuzung stehe und darauf warte, dass das Ampelmännchen grün wird.
Hier liegt die schwarz-rote Wurzel meines Anarchismus vergraben: wenn wir, die wir kein Talent und keine Lust zu irgendwas haben, uns einfach aus der Welt zurückziehen auf einen Zauberberg, in einen schillernden Roman, an dessen unendlich feiner Komplexität wir uns berauschen. Schmierige, schiefe Sätze in einer gefährlich mittelmäßigen Stadt mit gefährlich banalen Problemen, gefährlich fader Hoffnungen. Solche Sätze von einem Jungen, der Angst vor Wespen und Hornissen und Bienen hat, der seine Mitbewohner beklaut und willkürlich Autoreifen zersticht. Ich stelle mir vor, wie ich die letzten Jahre mit einer schwarzen Müdigkeit in meinem Gesicht durch die Stadt laufe und schlechte Geister an meiner Seite versammel. Ich stehe an der Litfaßsäule im Zentrum meiner morgendlichen Träume, wir laufen auf weichen, aschgrauen Teppichen durch die Stadt aus Beton und Glas und Regenwasser und Stein und kahlen, schwarzen Bäumen, die plumpen Lichter am Kaufhaus geben dem Haupteingangsbereich einen Schlachthof-Charme, an dem man sich satt und hysterisch sehen kann. In der Kathedrale dann bleibt die Zeit stehen, wird zu kaltem, blauem Marmor, in dem sich unsere schwarz-verschmierten Gesichter spiegeln, die trübe Verwirrung, von Störsignalen zusammengeführte Cyber-Subkultur. Irgendwann haben die, die das Internet unter Kontrolle haben, die Welt unter Kontrolle. Ich werde einfach solange kurbeln, bis es nicht mehr geht; bewaffnet mit unlesbaren, zarten Freunden und tiefen Büchern. Das Ich ist keine Substanz, keine Maschine, keine Seele: es ist eine unendlich fragmentarische Collage, ein amorphes, instabiles Gedankenkonstrukt, an dessen Oberfläche wir uns derart gewöhnt haben, dass wir glauben, wir wüssten wer wir sind und was wir uns zutrauen können und was nicht. Dieses Konstrukt abzuschaffen, die Oberfläche zu durchstoßen und das ganze Ausmaß unserer Identität zu erfahren, ist das letzte Abenteuer, das geblieben ist in einer Gesellschaft, die sich als Maschine begreift und von selbstsicheren Menschen in Betrieb gehalten werden muss. - Romantik sagen Verliebte dazu, die Armen nennen es Kommunismus oder Faschismus, der Surrealismus ist ein alter Name dafür, die Digitale Revolution ein neuer. - Wir müssen unsere Kräfte bündeln, wir müssen einen Metamenschen schaffen aus den Bruchstücken unserer manischen Entgrenzungen! Wir dissoziieren zu einer neuen, übergeordneten Kaleidoskop- Person zusammen! Wir behaupten einen Europäischen Mythos des Einundzwanzigsten Jahrhunderts, das uns gehört und nicht mehr unseren Eltern und Großeltern! Sie können uns Europa und die Welt nicht mehr erklären, wir
entziehen ihnen das Recht, von Europa in ihrem Sinne zu denken. Alles, was unsere Eltern uns beigebracht haben ist, in ihrer Welt der Automaten und Dienstleister zu funktionieren. Das Funktionieren ist eine Falle. Das Funktionieren ist ein Torpedo, abgefeuert aus Angst vorm Ertrinken.
Die Gegenwart muss zerstört werden! Die linearen Mythen wurden geschaffen, um unsere Träume zu kontrollieren! Erst wenn alle Stricke gerissen sind, kommen wir zu uns! - Das Ich ist der Feind. Das Ich will mit der Europäischen Halluzination nichts zu tun haben; wir aber, wir aufgebrachten Geister, wir Namenlosen, wir Ausgestoßenen und Nichtsnutze, wir Selbstmörder und Abgestochenen, wir Geldgierigen und Gottlosen, wir der Erlösung Bedürftigen, wir brauchen eine Utopie, um nicht über uns selbst herzufallen. Wir wollen keine depressiven Mauerblümchen sein und keine selbstironischen Traumtänzer! Wir sitzen auf dem Klo und stellen uns vor, wie wir blutigen Gulasch in die Gehirne unserer Eltern und Lehrer und Vorgesetzten scheißen und die Sonne geht unter und ich schaue von Besessenheit verzerrt in die Zimmerecke und in dem Moment, in dem mir klar wird, was meine Eltern bei diesen Worten denken würden, explodiert in Kabul eine Bombe und zerfetzt süße Jungs und Mädchen und ich liege auf einer weichen Hängematte über dem Geraufer, der Stellvertretende Ortsteilbürgermeister paddelt unter mir durch und wir grüßen uns freundlich. Ein lauer Sommerabend, der viel verspricht, aber nicht viel hält: gut so, Erfurt hat es nicht verdient, dass hier etwas passiert - Erfurt ist ein Gefängnis und die Freiwilligkeit, hier zu wohnen, ist die dicke, unfreundliche Wärterin. Jeder der gern hier lebt, hat es verdient sich hier zu langweilen und zu verkümmern. Es ist so anstrengend, hier Sinn ergeben zu müssen. Erst wenn der Sinn abgeschafft wird, klart der Himmel auf und alles erscheint wie es ist: ewig wandelbar.
Warum behauptet sich Europa nicht grundsätzlich neu? Das Brüssler Europa ist ein netter Versuch einiger von Kriegsangst und Marktgläubigkeit gedrückter Bürokraten gewesen, eine heile Welt zu schaffen und ich bin einer ihrer Söhne, einer ihrer freien, ungeduldigen, zukunftseuphorischen Geister, die großschnäuzig ihren wahnsinnigen Glauben an die Menschheit in kleine, unendliche Notizbücher verstauen. Jeden Abend schaffe ich Erfurt ab, jeden Abend vergewissere ich mich meiner absoluten Abwesenheit in dieser Welt, ich bin gestriezt von absurder Dringlichkeit, die die rote Glühbirne neben mir platzen lassen könnte. Wer behauptet Europa neu? Von welchen Idealen soll derjenige, der uns Europa behauptet, erleuchtet sein? Oder lassen wir das mit Europa? Denken wir einfach wieder im völkischen Rahmen? Wollen wir wieder Hirten und Schafe sein? Ein Gedanke hält meine Hoffnung an eine grundlegende Neuordnung der Welt zusammen wie fleischfarbne Knetmasse: es ist möglich, dass wir uns alle darauf einigen, alles in Ruhe und mit großer Sorgfalt und Liebe neu zu gestalten, es ist möglich, dass sich alle Menschen beruhigen und synchronisieren und gemeinsam Sozialstandards aushandeln, auf die sich alle Menschen berufen können.
Europa ist eine Behauptung, nicht nur ein Markt oder Staatenbund. Europa ist
eine Behauptung, eine fröhliche Behauptung! Wenn man nicht fröhlich sein kann, kann man kein Europäer sein.
Wir fröhlichen Europäer müssen Europa gegen die griesgrämigen Kleingärtner behaupten! Deshalb müssen wir unsere Heimatstädte allesamt abschaffen! Wir fröhlichen Europäer erfinden in kollektiver Euphorie ein neues Ideal, das die Grenzen der Stadt und der Nation ebenso auflöst wie die Grenze zwischen Ich und Körper und Außenwelt und Innenwelt. Alles ist bloß Welt und man kann sie gestalten wie man will. Europa ist das blaue Zelt, unter dem wir den ganzen Sommer dissoziieren können auf unbequemen Matratzen und an kühlen, grünen Flußufern und in engen, stickigen Straßenbahnen und in nach Teppich und Kaffee riechenden Büros, in aufgeblasenen, tristen Bürokratien und auf gemütlichen Sofas mit gemütlichen Jungs und hysterischen Mädchen. Europa ist eine Behauptung und ich behaupte sie, indem ich meine Heimatstadt wie mein Ichgefühl auflösen will, damit mir das ganze Elend der Welt vor Augen schweben kann. Wir müssen uns alle beruhigen, so schnell wie möglich dafür sorgen, dass es in Europa für alle gemütlich wird und jeder Lust und Liebe gewinnt, sich darum zu kümmern, dass es in der ganzen Welt gemütlich wird. Knapp 500 Euro im Monat gebe ich aus, wenn ich jeden Abend Europa behaupte, Geld das mir Europa gibt: mein Europa: es existiert in mir, es lässt den grünen Smaragd hinter meiner Stirn leuchten, der mich auf Kurs hält, wenn ich hypersensibel und geschlechtsneutral wie eine weiße, glänzende Kugel durch die Innenstadt rolle auf der Suche nach Koffein und Sensationen. Viele Leute sehen so aus, als hätten sie Lust, mich an einer Fließbandarbeit leiden zu sehen. Manchmal grüße ich sie mit einem wabbernden Pudding-Grinsen, manchmal schrecke ich nur ängstlich zurück und stell mir vor, wie ich ein Haus anzünde und mich in Lachen auflöse. - Das Publikum jubelt und ich kann endlich meine Miete bezahlen, denn ich bringe Menschen zum applaudieren und dafür bekomme ich Geld und dafür kann ich wohnen und essen und kiffen. Ich hinterlasse meine Spuren und identifiziere mich mit allem, was meine Worte bewirken werden.