Der Faschismus steckt weiterhin in unseren Körpern, macht euch bloß nichts vor. Ihn auszurotten bedeutet, ein anderer Mensch zu werden. Johanna Haarer hat zu Zeiten des Nationalsozialismus einen Kindererziehungsratgeber veröffentlicht, der Millionen von Deutsche geprägt hat. Das Kind solle streng erzogen werden, keine emotionale Bindung zu sich und der Mutter aufnehmen, müsse so früh wie möglich an Schmerz und Einsamkeit gewöhnt werden und solle so ganz dem Volkskörper unterworfen werden. Nicht zuletzt im Sportunterricht spürte ich, dass nie ein richtiges deutsches Mädel aus mir werden wird. Ich hab nicht nur beim Weitwurf kläglich versagt. Es schien mir immer so albern, Dinge zu werfen und herumzuturnen und um die Wette im Kreis zu rennen. Scheinbar sollte die körperliche Ertüchtigung militärische Reflexe einüben. Heute würde ich behaupten, dass Sportlehrer in weitaus größeren Maßstäben Kinder systematisch schaden und traumatisieren als pädophile Verwandte. Der Drill ist leider derart erfolgreich, dass noch nie ein Schüler einen Sportlehrer abgestochen hat. Wäre ich über meinen Schatten gesprungen und hätte getan, was meine Selbstachtung verlangt, wäre ich vielleicht nie so anmaßend geworden, Schriftsteller zu sein. Ein bisschen Mut hätte mir ein bescheidenes Leben als Häftling ohne Reue und Utopien ermöglicht.