Jetzt, am Ende der Literatur, können die Blumen, die Liebe und die Wahrheit wieder aufatmen.
Wenn du heute ein Punk sein willst, frag nicht, was du für oder gegen den Staat tun kannst, sondern was Johnny Rotten für dich tun kann. Die Kunst übernimmt in der Demokratie die Rolle der Fünften Gewalt, wenn der Journalismus die Vierte Gewalt ausfüllt.
Seit ein paar Tagen experimentiere ich mit dem Gedanken, dass eine Demokratie mehr als vier Gewalten braucht, um sich gegen die faschistische Gefahr zu schützen. Die Rechte der Medienschaffenden müssen genau so gestärkt werden wie die Rechte der Kunstschaffenden. Mir schwebt ein bipolares, öffentlich- rechtlich organisiertes, nonkommerzielles Kultur- und Mediensystem vor: je eine Kammer der Etablierten, der Professionellen, des Offiziellen, und je eine Kammer des Undergrounds, des Self-Made, wie Trash und Gonzo und Poetry und Dance. - Mir schwebt eine Partei vor, die in beiden Kammern vertreten sein will.
Als imaginärer Abgeordnete dieses imaginären Staatsorgans organisiere ich mit all den anderen Losern und Freaks um mich herum die Hypothese der Blühenden Landschaften als imaginäre Gruppe, die mit realen Institutionen interagieren will. Wir beeinflussen das Geschehen dadurch allein. Wir sind Lobbyisten der Gemütlichkeit. Wir sind die Fünfte Gewalt und wir machen schöne Liebe mit der Vierten.
Seit ich meine Paranoia vor einem übermächtigen Staat verloren habe und mich mit der Institution Deutschland angefreundet habe, blüht in mir der Wunsch, Teil einer perfekten Institution zu sein. Diesem Wunsch streue ich das Salz meiner guten Zweifel entgegen, aber gelangweilt. Mittags. Ich mach ein bisschen Liebe mit meinem Kopfkissen, halbherzig diesmal, weil schlecht geträumt, dann einen Kaffee, im Spiegel über dem Spülbecken seh ich so aus, als sei ich frustriert, vielleicht sehen alle, die nicht richtig Klavier spielen können, so aus. Es reizt mich, Musik zu machen, die absolut jeden abstoßen würde, Geräusche die in kein Genre passen, Töne die niemals ausgebeutet werden können von Akademikern, Hipstern oder Geldgeiern, Musik die absolut bös und ohne Sinn und Nutzen und Verstand auskommt. Dieser Aufgabe fühle ich mich noch nicht gewachsen, zu viel Hoffnung in mir, die ich noch nicht verschwendet habe. - Ich verlasse mich so gern auf dieses Gefühl, niemals ein Verbrecher zu werden, nach dem Straßen und Plätze benannt werden in ferner Zukunft. Es ist nicht nötig, komplett durchzudrehen.
Ich kann alles sein was ich will. Ich habe keinen Herren. Ich bin kein Knecht besonderer Talente oder Fähigkeiten oder Leidenschaften: ein Grund, aufzuatmen. Was sind die Begabten Sklaven ihrer Begabung und die Begeisterten Sklaven ihrer Begeisterung! Ich fühle mich wie ein riesiger, blauer, dummer Elefant auf der ironischen Suche nach einer Maschine, die es fertigbringt, ihn zu töten.
Für den pragmatischen Erfolg eines Unangepassten ist es am Ende vielleicht doch entscheidend, ob sein Nicht-Reinpassen in jene Welt reinpasst, gegen die er sich auflehnt. Doch vielleicht darf er selbst darauf keine Rücksicht nehmen.
Eine alte Frage ist mit einer neuen Stimme auch neu gestellt.
Welche soziale Funktion kann ein Schriftsteller haben, der an nichts glauben kann? Vielleicht könnte er beweisen, dass ein Leben im Unsicheren lustvoll sein kann. Indem der Künstler die banalen Schmerzen des Lebens veredelt, verherrlicht er sie, zum Trost für sich und die Welt. Selbst, wenn er nicht mehr an sich selbst glaubt, bleibt sein Werk bestehen, das ihn weit überragt und für immer bleibt. Die Parallelwelt der Social Medias soll mein Zuhause, meine dritte Haut werden! Es gibt einige Apps, die das Licht der Bildschirme für die Augen erträglicher macht, indem es das helle, blaue Licht herausfiltern. So stellen sich die Kopfschmerzen ein paar Stunden später ein.
***
Ich wünsche mir eine subtropische, zerfaserte Free-Jazz-Band, krummgewachsenes Gemüse, versucht, was ich mit meinen Wörtern viel zu eindimensional mache: ein euphorisches, nicht anfangendes, nicht endendes Loblied zu geben auf einen superentspannten, superkomplexen Kultur-Kauderwelsch, in dem es auch mal möglich ist, dass eine Feier samt ihrer konservativen Sexualmoral aus dem Ruder läuft. Musik, die das stolze, freie, großschnäuzige Kind verherrlicht, den Eros des abenteuerlichen Lebemenschen, süße Randale, ausufernde, brutale Liebens- würdigkeit. Das Leben ist eine dunkle, gefährliche Party - und die sollte lieber in einem freizügigen, aufgeklärten, fundamental humanistischen und wirklich grenzenlos weltoffenen, wie vom Blitz getroffen weltoffenenen Staat stattfinden als in einem dunklen, engen, totalitären, inhumanen Terrorstaat, wie ihn der IS oder die AfD oder auch meine Wenigkeit theoretisch im Stande wären zu installieren. Unser unfreundliche, aber stabile Rechtsstaat wird locker mit geilen, feuchten, erigierten Horden fertig, eben weil er mit geilen, klammen, bockigen Oktoberfesten auch fertig wird. Ich denke, viele deutsche Bleichgesichter fühlen sich von der schamlos demonstrierten Rohheit besoffener Migranten sexuell bedroht. Das ist so mörderisch witzig, die Angst vor dem Schwarzen Mann kommt wieder. Wie konnte das so schnell gehen? Naja, sie war nie weg, würde ich meinen. - Nun reißt euch zusammen, nehmt - wenn ihr nötig habt - ein paar Viagra und stürzt euch mit den raubenden, plündernden, steifen, feuchten Schwänzen aus aller Welt in eine anale, vaginale, schwule, koprophile Nacht, scheißt einfach alles zu mit eurer Gier und Geilheit: warum? Weil wir Anderen Steuern zahlen für Straßenreinigung und Sperrmüll, weil es eben eine Polizei gibt, die euren dionysischen Orgien erst geeignete Orte schaffen: eben jene Freiräume, die ihr euch erkämpft oder erstohlen habt. Begeht ein kleines Verbrechen, vollkommen egal, ob ihr arme, notgeile Afrikaner oder fette, frustrierte Weißwürste seid: feiert eure Körper, übertretet Grenzen, lasst euch nur von guten Polizisten erwischen.
Der Taumel löst das Ich auf, der Taumel ist ein wissenschaftliches Werkzeug, die Poesie das richtige Medium, um konsequent leben und konsequent schreiben zu können.
Ich traue keinem, der nicht berühmt sein will. Der Wille Weltruhm zu erlangen und Weltruhm zu schlürfen, macht aus jedem noch so kläglichen Nichts für den Moment der Manie einen Heiligen. Wir können ruhig schonungslos darüber denken wie wir wollen, du allein hast die Chance, die Poesie so ernst zu nehmen wie du kannst... Geh an den Rand, dehne den Rand wie Gummi in Richtung Unendlichkeit. Ich habe mich gefunden, sobald ich nichts tue, sobald ich alles automatisch kommen lasse.
Kunst ist die letzte Rettung der Menschheit. Jeder muss Künstler werden. Wir aufgebrachten Geister, wir Namenlosen, wir Ausgestoßenen und Nichtsnutze, wir Selbstmörder und Abgestochenen, wir Geldgierigen und Gottlosen, wir der Erlösung Bedürftigen, wir der Heilung Zustrebenden, wir werden über uns selbst
herfallen, wenn wir uns nicht gegen unsere Lebensbedingungen solidarisieren und etwas Immaterielles schaffen, das weit über uns alle hinausgeht.
Ästhetische Einwände sind für mich relevanter als ökonomische, aber nur die ökologischen Einwände sind die alles entscheidenden, weshalb mir die Realität wichtiger als die Phantasie erscheint und Journalismus wichtiger, weil staats- tragender als Poesie und Musik. Um menschenfreundlich zu sein, muss meine Kunst auf der Seite der Natur stehen und muss meine Musik einen positiven Einfluss auf meine Stadt haben.
Die Schönheit einer idealen Stadt macht ihre Bewohner sensibel und freundlich, so wie der kalte Markt seine Spieler rationalistisch und egoistisch macht. Besonders schön und eindrucksvoll zeigt sich die Empathie eines Menschen im Einsatz für andere Menschen, andere Lebewesen und für die gesamte belebte Umwelt. Das menschliche Ringen um Fleisch und Grenzen rückt die Gesellschaften immer näher an den Abgrund heran, das Leben auf der Erde ist hoch gefährdet und hier, in der überhitzten, verdreckten Sackgasse der globalen Marktwirtschaft wird es den besonders Empfindlichen unter uns unmöglich, Kunst zu machen, zu unterhalten, zu wirtschaften, zu hoffen. Die Realität verlangt von uns Klarheit, Zweifel und Freundlichkeit, die finden wir nur außerhalb der Fiktion. Jedes Gesetz, jedes Ritual, jedes Wort ist genau so fiktiv und willkürlich und veränderbar wie alle Romane und Filme und Tänze. Letztlich ist es die Welt, auf die es ankommt, das Leben der Lebewesen auf der Erde, die Geschichte, die wir alle erzählen. Die Geschichte meines Lebens ist mit der Geschichte allen Lebens fest verbunden und diese Verbindung macht mich so relevant wie alle anderen Menschen und meine Texte verdienen nicht mehr Leser als andere Texte. Mein Stil ist ein Stil und mein Werk ist ein Werk. Mein Werk soll nicht das Werk eines Fliehenden sein, sondern eines Ankommenden. Ich möchte inmitten der Zweifel und des Schwebens etwas Festes, Solides bauen. Sobald ich an meiner Irrelevanz verzweifel und vor den Depressionen der Anderen kapituliere, füge ich mich in den düsteren Fluss des Leides ein, zu dem der Mensch den Strom des Lebens verengt hat. Sich der Wirklichkeit stellen und ganz langsam und zart Widerstand entwickeln können, das ist es, was man lernen muss. Erfolgreich wird man nur sein, wenn man jemanden liebt und wenn man sich geliebt fühlt, denn Liebe ist Wärme und Sicherheit und gibt Kraft und Inspiration. Liebe ist letztlich das einzige, das noch wichtiger ist als die Realität. Das behaupten zumindest meine Lieblingslieder.
Meine Texte und meine Musik und meine Kleidung und mein Denken und meine Ernährung sind miteinander verbunden zu einem Ganzen, das mein eigentliches künstlerisches Schaffen ist. Meine Lieder sind mit meiner Mimik verbunden und meine Gesten mit Träumen, die ich mit dem Aufwachen sofort vergessen habe. Meine politischen Ambitionen und mein Schreibstil sind zwei Seiten einer Münze.
Erschreckend einfach sind die Dinge: ich bin gezwungen, auf die Welt zu reagieren. Jeder Tag verpflichtet uns, Stellung zu beziehen. Jeder muss in einen Beruf schlüpfen, um die Welt zu bewegen, manche brauchen einen Beruf, um sich überhaupt bewegen zu können. Wer nicht weiß, was zu tun ist, aber - aufgrund eines neurologischen Defekts - trotzdem Lebensenergie hat, spaltet sich dann meist in die Parallelwelt der Kunst ab. Jeder kann ja mit dem Wort Kunst nach Belieben verfügen. Es gibt keine Begriffspolizei, die Parallelwelt der Kunst ist für alle da. Die Künstler können dafür sorgen, dass die Demokratie, die Umwelt, die Identität, die Wahrheit immerzu gestaltbar bleibt, dass nichts verhärtet zu einer Heiligkeit, einer Alternativlosigkeit. Die Künstler verteidigen die Vielfalt gegen die Mono- tonie, die Multikultur gegen die Monokultur. Rüdiger Safranski wirft mir vor, dass dies ein typischer Wunsch für Menschen ist, die keinen Ton angeben und auch von keinem Ton in Bann gezogen sind. Nun, wenn ich schon nicht mit der Nation mitschunkeln kann, will ich alles auf mein Zappeln und mein Schweben setzen. Der skeptische Künstler hat die Aufgabe, die Menschen an ihre Fähigkeit zu erinnern, sich von allem zu distanzieren, sich in Verwirrung zu verlieren und sich immer in neue Richtungen zu drehen, indem er konsequent ambivalent und losgelöst im Taumel seiner Selbstzerfleischung alle Fundamente zum Schwanken bringt und wie ein giftspuckender Kobold unter allen Brücken lauert, die uns mit den Anderen verbinden sollen. Ein Knochen und Fleisch und Blut und Seele gewordenes Vielleicht in greller, kalter Nacht, ein nihilistischer Schamane der sich über das ganze Dorf, das ganze Land erhebt.
Meine politischen und meine künstlerischen Versuche unterscheiden sich nicht. Alles, wirklich alles muss erlaubt sein, das mir Erfurt vom Hals hält, dieses graue, gelangweilte Gespenst, das meine Knochen schwer und meine Gedanken transparent machen will. Ich sehe meiner unmittelbaren Auflösung entgegen, ich stürze mit weit aufgerissenen Augen und müdem Grinsen aus Eurer Gemeinschaft, aus Eurem Stadtnamen - und Erfurt verwandelt sich vor meinen Augen in das Dorf, das es ist, das lieblose, langweilige Erfurt. Ich spüre, wie mich die Tapete in meinem Zimmer genau so deprimiert wie die grauen Straßen und der blaue Himmel und all die nützlichen Gegenstände ringsherum, die mir suggerieren, dass ich jemand bin und ein Ziel habe; all die Gegenstände in meinem Zimmer sollen mir behilflich sein und lenken mich in eine bestimmte Richtung, definieren meine Möglichkeiten und damit wer ich bin, so wie die Häuserfassaden, wie die Gesichter auf den Straßen von Erfurt, wie der Sound in den Straßen von Erfurt eine gewisse Richtung hat, wie der Geruch von Entsolidarisierung und Bratwurst. Das größte Übel ist, dass die Menschen nicht verstanden haben, dass sie sich grundlegend verändern müssen. Kein Film, kein Buch, keine Talkshow hat das je in all der angebrachten Erschrockenheit thematisiert. Der Staat soll uns nicht in den Arsch treten, letztlich treten wir uns nur selbst in den Arsch. Solidarität und Ekstase.
Wer an eine Welt ohne Unterdrückung glaubt, hat noch nie Privatfernsehen geschaut. Was würden diese Zombies machen, wenn sie plötzlich frei wären? Wenn sie nicht mehr getreten werden würden? Sie würden nichts mehr mit sich anfangen können, sie würden komische Ideen bekommen, sie würden sich vielleicht rächen wollen. Tausende Jahre Unterdrückung bekommt man nicht mit einem Joint aus dem Körper.
Wenn man die Gesellschaft verändern will, Gregor Gysi weißt glücklicherweise immer darauf hin, muss man den Zeitgeist verändern, und der Zeitgeist ändert sich, wenn sich die Gefühle der Menschen erweitern. Dafür ist die Kunst da. Wenn ein Politiker gern Helene Fischer und Unheilig hört, muss das für ihn noch hundertmal verhängnisvoller sein als die Süße-Jungs-Affäre von Sebastian Edathy. (Jeder Geschmack ist Ausdruck körperlicher Bedürfnisse. Schaut Euch unter diesem Gesichtspunkt die Musik in den Charts an: was für entsetzlicher Sklavenmuzak!)
Der Zeitgeist muss sich ändern, bevor sich die Gesellschaft ändern kann, deshalb muss sich gesellschaftskritische Kunst den Verhältnissen auf den Grund gehen und sich gründich vernetzen. Ein solidarisches Netzwerk ohne Hierarchie. Eine ganz ganz ganz einfache Idee, die mit jedem neuen Anhänger stärker wird. Die Zukunft ist digital. Das Internet ist ein wichtiges Medium der Völkerverständigung, der Solidarität und Teilhabe an politischen und auch künstlerischen Prozessen. Das Netzwerk ist für alle aktiven Künstler, die weltweiten Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Egal, ob man mit Leuten diskutieren oder zusammenarbeiten will, hier soll man sich zu virtuellen, transnationalen Plattformen, Beratungen, Bands und Roman- und Theater- und Filmprojekten zusammenschließen können. Eine riesige Datenbank aller verfügbaren kreativen Ressourcen auf der ganzen Welt.
"Kunst hat die Aufgabe, den Menschen an seine Möglichkeiten zu erinnern.", steht an der steinernen Eingangstür meiner Träume.
Die Kunst muss zeigen, was möglich ist, die Kunst soll die Herzen und die Horizonte öffnen, die Kunst soll Lust am Fremden, Lust am Rausch, Lust am Fragwürdigen nähren, die Kunst soll in ihrer ganzen vernetzten, schöpferischen Schönheit strahlen. Die Kunst muss das Leben feiernd Europa befreien von maßloser Gier und dummer Angst und sozialer Kälte. Kunst muss ja und nein sagen können, Kunst muss enthemmt sein, brutal und schön und jenseits von optimistisch und pessimistisch, jenseits von subjektiv und objektiv. Kunst kann nicht mehr isoliert betrachtet werden. Kunst ist die Gesamtheit kreativer Prozesse, die in Interaktion miteinander stehen. Es gibt nicht "einen Künstler", der "Kunst" "produziert", sondern es gibt Teilnehmer am Gesamtwerk namens "Kunst". Manche Menschen wollen Kunst machen. Und allein weil sie es wollen, sind sie Künstler. Der Wille, Künstler zu sein, ist ausreichend, um Künstler zu sein, denn es ist keine Instanz denkbar, die grundsätzlich und endgültig Kunst definieren und
bewerten könnte.
Alle müssen zeigen, dass sie gefunden werden wollen. Es gibt kein zentrales Werk, nur einen beständigen Strom an interaktiver, weltweit verknüpfter Kunst, die sich überall zeigen kann. Je größer das Netzwerk, desto größer die Mittel und Möglichkeiten und Chancen für jeden Einzelnen. Kunst ist das Einzige, was alle Menschen verbinden kann. Weltweite Solidarität, die die ganze Zivilisation zu einem Dorf, in dem es alles gibt, zusammenwachsen lässt, ist die beste Utopie, die ich aus dem psychotropen Schlamm meiner einsamen Orgien im grünen Herzen Europas ziehen kann.
In einer freien Gesellschaft, wie ich sie mir vorstelle, muss nichts verschwiegen werden, weil es keine Tabus gibt. Alles, was artikuliert wird, ist wichtig.
Kunst muss sich ernst nehmen, damit sie ernstgenommen werden kann.
Energie ist wichtiger als Wahrheit. Alles muss einfacher, alles muss vielleichter werden. Blumen! Je mehr Kontrolle du über dein Charisma gewinnen willst, desto schwächer wird es. Schöne Menschen haben es leicht, charismatisch zu sein, weil sie sich nicht so viel einreden müssen: sie können ihre Schönheit einfach ausleben. Der Hässliche muss seine Schönheit erst erfinden und ausarbeiten: er braucht dazu Phantasie, Widerstandskraft, Geduld und Zeit. Viele hässliche Leute sind deshalb politisch so radikal: sie brauchen eine gewaltige Vision, die sie wirklich geil macht: nur so können sie sich motivieren, jemand zu sein und überhaupt das Bett zu verlassen. Aus sich selbst heraus können sie nicht schöpfen: da ist nur Verwirrung, Langeweile, Lüsternheit und Scham. Sie brauchen eine Ideologie, die stark genug ist, sich der Hässlichkeit zu widersetzen. Schöne Menschen brauchen keine Führer, keine Indoktrinierung, keinen Gleichschritt und kein Vaterland, denn sie sind sich selbst genug, solang sie ihre Schönheit in die Welt strahlen können und diese auch wahrgenommen und genossen wird. Die Freundlichkeit der Schönheit und die Hässlichkeit des Faschismus leuchten dir ein, deshalb brauchst du dich nicht weiter um dein Charisma kümmern und kannst darauf vertrauen, dass man dich nicht verwechselt. Erst wenn man als Künstler nicht mehr ironisch sein kann, steht man mit beiden Beinen in der Welt. Die Entspanntheit, die ein gutes Indica auslöst, hilft, sich selbst ernst zu nehmen. Ironie und Schüchternheit sollten, wenn überhaupt, nur Werkzeuge gegen Leute sein, die keinen Grund oder keine Kapazitäten haben, uns ernst zu nehmen: wenn man lange Umgang mit ihnen hat, glaubt man sich
irgendwann kein Wort mehr und an diesem Punkt beginnen die Depressiven sich zu hassen und die Ignoranten ordnen sich unter und die Verrückten malen sich ein drittes Auge auf die Stirn und lassen sich in der Stadt treiben. Mach bloß nicht Halt an diesem roten Punkt, treib es noch ein Stück weiter, steiger dich wie auch immer in die Lächerlichkeit von Allem rein, manifestiere die Lächerlichkeit als deine ultimative Leitplanke in Fleisch und Knochen, indem du mit allem wie mit einem Witz umgehst, dann ist alles nur so gut wie es dich erheitert, dann kannst du deinen Kleinmut und deine Demut im Giftschrank lassen und lachend und weinend Gräben graben zwischen dem was du haben willst und dem was du nicht haben willst: sag ganz klar und deutlich Ja und Nein und Vielleicht. Das Ja und das Nein sind deine geistigen Beine: setze eins nach dem anderen und lass das Vielleicht den allwissenden Steuermann sein. Alles hängt am seidenen Faden deines Geschmacks. Ich sage, ich mag die und die Musik, du fragst, was dieses Mögen und Nichtmögen über mich aussagt, ich korrigiere mich: ich höre die Musik, die ich nötig habe, um der zu werden, der ich sein will. Ich assoziiere bestimmte Musik mit bestimmten menschlichen Eigenschaften. Ich bin mir noch unsicher, was schlimmer ist: Produzenten/Interpreten eines schlimmen Songs oder die Leute, die einen schlimmen Song hören. Beide scheinen voneinander abzuhängen und beide scheinen dieses Stück nötig zu haben. Meine Hoffnung ist, dass die schlimmen Leute sich noch öffnen können für andere Musik und diese Musik dann auch ernst nehmen können. Am schlimmsten sind ja jene, die gute Musik hören, aber nicht ernst nehmen: sie ziehen so die Musik in den Ironiedreck und damit alle, die ihren Segen nötig haben. Cannabis kann helfen, die Musik ernst zu nehmen. Es hilft sich vorzustellen, dass die Musiker es wirklich so meinen, dass sie die Instrumente genau so benutzen wie sie es im Moment wollen und können und dass die Sänger keine Rolle mehr spielen und die Coolen und Dramaqueens und Hilflosen und Besessenen nur noch sich selbst abbilden. Es hilft die Musik als direkten, authentischen Ausdruck misszuverstehen. Wenn man anfängt zu glauben, man würde einen Song ernster nehmen als der Musiker, der ihn gespielt hat, fängt man an, den Musiker zu widerlegen: und wenn am Ende nichts mehr von ihm übrig bleibt, so bleibt die großartige Lüge, mit der er dich daran erinnert hat, was du sein willst und was nicht.
Als einer der wenigen Menschen auf der Erde bin ich glücklich, ein Privileg, das ich nicht verdient habe, - weil die meisten Menschen ihr Unglück nicht verdient haben. Mein Glück ist die Abwesenheit von Leid und das Wissen um den Sinn meines Lebens. Zwar hab ich keine Bestimmung, wohl aber einen Sinn, der für mich darin besteht, mit meinen besten Freunden zusammenzusein und Kunst und Liebe und Politik zu machen. Die Freunde sind schon ganz in meiner Nähe, unsere Kunst entwickelt sich langsam zu einem eigenständigen Organismus, und Liebe ist nicht nur ein Wort, sondern eine reale Erfahrung, die, in die richtigen Bahnen gelenkt, Mauern einreißt und Schmerzen und Dunkelheit überwindet, in die falschen Bahnen gelenkt, Götter, Staaten und Mörder erschaffen kann. Die räumliche und zeitliche Distanz zwischen meinen Freunden und mir ist im Zustand der Liebe eine weiße, runde Kugel, die sich gleichmäßig dreht und alle Aufmerksamkeit anzieht und für immer bannt. Ich bin nicht allein, meine Freunde
sind ein paar Straßen weiter und wir haben eine gemeinsame Zukunft, die für mich die Substanz meiner Hoffnung ist. Meine Herzlichkeit in kalte Buchstaben stopfen, um aus ihnen ein hässliches, aber kuschelbares Plüschtier zu machen, das ist meine Aufgabe als Schriftsteller und als Lover. In der Liebe und im Schmerz werden die Worte unbedeutend. Der Zweifler ist eine geringere Gefahr für die Demokratie als der Überzeugte, denn mit Antworten schließt man die Wirklichkeit ab, während man sie mit Fragen öffnet. Unsere Liebe öffnet die Worte, unsere Liebe bringt Licht ins Dunkle. Ich sitze auf dieser Parkbank, gleich ist der Himmel dunkel, ich imaginiere mich in neue Musik hinein. Noch befinde ich mich nicht in einem Körper, der in der Lage ist, sie zu komponieren, aber ich empfinde bereits diese uralte, düstere Heiligkeit von Orgeltönen, die gespenstisch-manische Gottlosigkeit eines Drum-Loops in einer Kathedrale, die man an der Rückseite der Tage und Wochen und Monate und Jahre angebracht hat, durch die hindurch du dich bewegst auf ein helles Licht zu, das nicht mehr als eine Idee ist, eine warm-strahlende Idee, die dich wärmt, dich in ihrem Bannkreis hält und, wenn du dich nicht bewegst, dich langsam an sich zieht... Diese Idee ist das Gegenteil von Pessimismus, das Gegenteil von Realismus und das Gegenteil von Dogmatismus. Wie lang wird das Licht noch leuchten.
Ich habe Angst, dass meine Freunde mir etwas wichtiges verschweigen. Ich habe Lust, richtig laute und richtig leise Musik zu machen. Ich glaube an schwarze, fröhliche, vitalisierende Noisemusik. Eine Beerdigung des Rock'n'Roll und zugleich die Verwüstung des ganzen Friedhofs. Ausgelassene, übersteuerte Wohlstands- versager, ruhmsüchtige Verlierer, schlaflose Gürteltiere. Traut man einem depressiven Schrotthändler zu, der empathischste Mensch der Welt zu sein?
Relevante Gedanken erkennst du daran, dass deine Lieblingsmusik sie nicht vertreiben kann. Was du denkst, wenn du von Musik gebannt bist, bringt dich an den fragwürdigsten Ort, an dem du Entscheidungen treffen musst.
Ein "guter" Musiker ist der, dessen Ohr nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge des Zuhörers sensibilisiert.
Ich genieße es, bei lauter Musik zu denken. Nur giftige Wahrheiten können sich gegen laute Musik behaupten. Philosophie und Literatur und Religion und Drogen sind nur Ersatz für laute Musik. Mit Worte kann man vielleicht überreden, aber überwältigen kann nur das Unaussprechliche der Musik.
Kaputte Musik will die Alltagssprache des Zuhörers zersetzen. - Wer sich zu stottern schämt, wer nicht in Interjektionen und Imperativen vom Frühling reden
will, sollte keinen experimentellen Jazz und keine serielle Musik hören wollen.
Der Künstler zeigt nie, was er ist, sondern was er sein will, also was er sucht. Wenn er sich gefunden hat, wird er eine Ware.
Man kann sich wirklich nur mit Leuten identifizieren, die auf der selben Stufe sind wie man selbst oder dort sind, wo man hin will. Deshalb macht es für die meisten Menschen keinen Sinn, Leuten wie Mick Jagger oder Tom Yorke zuzuhören.
Man kann sich etwas Hässliches nicht schön saufen, man kann sich nur hinter sämtliche ästhetische Kategorien saufen und alles annehmen was da ist und JA zum Hässlichen sagen. Nüchtern sein heißt: empfänglich sein für Illusionen, auf die das Ego angewiesen ist.
Nur weil man sich für seine Kunst opfert, der Kunst alles unterordnet, ist man nicht gleich ein wertvoller Künstler ist. Es ist nie gut, sich für irgendwas zu opfern, die Künstler sollten das nicht vormachen. Trotzdem würde ich gern ein absolutes Recht darauf haben, erfolgreich zu sein.
Die Frage die sich jeder Künstler stellen muss: „Welchem Klientel willst du etwas vormachen?“
Coolness und Talent sind Fallen, deshalb polstere ich meinen Charakter mit Stürzen, Brüchen und Unreinheiten.
Glaubt mir, es gibt den Himmel! Er ist ein gemütliches Zimmer, in dem man Lust bekommt, ein Buch zu schreiben.
Als Musiker sollte man sich die Frage stellen, welche Wirkung die Musik, die man machen will, im Supermarkt hätte. Willst du den Leuten ein entspanntes Einkaufen geben? Willst du sie trösten? Willst du sie abhalten, bestimmte Dinge zu kaufen? Die Musik im Supermarkt verrät viel darüber, wie die Geschäftsführung die Kunden sieht.
Kunst hat die Aufgabe, die Einsamkeit der Menschen zu polstern, das Grauen der Sinnlosigkeit in eine Wonne der Sinnlosigkeit umzuwandeln mit so viel Liebe und Bosheit wie nötig.
Kunst wird erst richtig erfahren, wer keine Funktion mehr in der Welt hat. Wenn man von der Großen Maschine ausgespuckt wird, kann die Kunst den Seelenfrieden ersetzen und den ganzen Rest auch.
Künstler, die an ihren Stil glauben, die meinen von ihrem Stil abhängig zu sein, haben keinen Sinn für das Wirkliche, bloß für das Ideal, dem sie sich verpflichtet fühlen. Ich mag die tollpatschigen Autoren, die von ihren Unzulänglichkeiten zu neuen Erkenntnissen und Haltungen getrieben werden.
.Wer sich bei „Help the lonely child“ von Sevage Rose nicht vorstellen kann, eine dicke, schwarze, herzlich-traurige Frau zu sein, der hat absolut kein Recht, über Rassismus zu reden. Ich schwenke meinen dicken, schwarzen Arsch und trällere meine echte Traurigkeit in die Nacht und gleich muss ich heulen... Help the lonely child... help the lonely child...
Wirre, experimentierfreudige, undefinierbare Musik mit Leib und Seele verinnerlichen heißt, hinzunehmen, dass die Welt chaotisch ist und das Chaos die stabilste aller Harmonien ist, heißt unempfänglich zu werden für Ideale, heißt toleranter und freier zu werden, heißt über mehr Möglichkeiten zu verfügen.
Der Sprung von „Rock around the clock“ zu „Lucy in the sky with diamonds“ ist bedeutend kleiner als der Sprung von „Like A Rolling Stone“ zu „Dazed and Confused“. Heute sagt Robert Plant, Rockmusik ist nur noch ein lasches Plagiat ohne gegenkulturellen Anspruch und ich denke mir: das hätte er auch nach dem Ende von Nirvana schon sagen können. Ich brauchte Musiker, die mir helfen aus meinen kargen Songs fruchtbare Musik zu machen, die mit mir in engen Kellern und auf geräumigen Dachböden Pfeile und Kissen herstellen als Propaganda-Werkzeuge für eine psychotrope Bürokratie der Verzärtlichung und ich habe sie gefunden. Ich habe eine manische, immertätige Maschine, die von sehr verschiedenartigen Leuten betrieben wird, ich hab eine Garage vollgestopft mit Sounds, Strategien, Imperativen, Unvollendbarem, voll mit Schiefheiten, Frag- und Zagwürdigkeiten. Dunkelgrün schummernder, gepolsterter Hustenstiller-Überdosis-Party-Keller; großspurige Schüchternheiten zusammengepresst, nutzbar gemacht; eine brandgefährliche Bündelung offenen und öffnenden Potentials. Die manische Entgrenzung aus Langeweile, aus Dilettantismus; zusammengestauter Ernst, zusammengefeierte Schicksale und läppische Gesten bis zur Unkenntlichkeit mit Bedeutung aufgeladen. Wir zerschneiden die Sprache, blasen die Musik auf und vernichten jeden festen Charakter. Wir machen uns in einer Wolke aus giftigem Feinstaub, farbenprächtigem Krach und samtenen Cannabismus davon. Wir wollen es solang übertreiben, bis wir nicht mehr integrierbar sind, wir wollen nicht mehr kriechen! Wir wollen die Augen ernst nehmen, die uns kennen wollen, die Arme ernst nehmen, die uns trösten wollen; wir wollen uns im nimmermüden Strahlen gegen die Betonwand verlieren: wir wollen das Ding zum Einsturz bringen! Wir wollen
möglich sein! Und wenn du uns siehst - sprich uns an und wenn du uns magst - fass uns an.
Offene, öffentliche, öffnende Musik machen; eine Maschine, die von allen bedient werden kann, eine Infrastruktur, die von allen genutzt werden kann; ein virtueller Probe- und Konzertraum für alle, die Teil davon sein wollen: öffentlich zur Schau gestellte Verbundenheit in Experimentierlust, ein großes, buntes Fest ohne Zentrum, ohne Leader, ohne Marktgeschrei. Eine Kundgebung, eine Messe, ein Zirkus, ein wissenschaftlicher Vortrag, ein Film, ein Gedicht, eine Partei, eine außerparlamentarische Opposition für Künstler und alle die einen spielerischen Zugang zur Wirklichkeit suchen. Ein Raum für alle Möglichkeiten. Es ist unglaublich viel Zeit und Raum für uns vorhanden, jeder redet mit allen, alle spielen mit allen, alles spielt mit allem. Unendliche Möglichkeiten der Verknüpfung. Die Heiterkeit und Entspanntheit der gesamten Weltbevölkerung ist die wichtigste Grundlage dafür. Die Menschheit muss sich ein paar Jahre radikal beruhigen, in sich gehen, stehenbleiben, durchatmen. Kunst muss dazu einen Beitrag leisten können. Ein öffentliches Spektakel. Psychedelische Kunst und eine transnationale, gemütliche Politik passen gut zusammen, unterstützen sich, wollen miteinander verschwimmen. Wir brauchen jede Woche leuchtende, tiefenreinigende Festivals, die stabil im Stadtbild verankert sind, ein weltweites Netzwerk freier Künstler, Wissenschaftler, Sozialarbeiter, Architekten, Kunstfiguren, Gurus, Trödler, Besessene. Alle Grenzen abschaffen! Gegen deutsche Zustände! Festung Europa kaputtmachen! Für einen solidarischen, freundlichen, für alle Menschen der Welt gleichermaßen zuständigen Wohlfahrtsstaat! Europa, eine riesige Stadt, ein riesiger Raum für Kultur und Wissenschaft, für Begegnungen, Abenteuer und Experimente. Eine Hoffnung für alle Refugees und Freaks und Langschläfer und Suchtkranken und Nutzlosen und von aggressiven Käfern träumenden Bauarbeiter; ein Halt für liebe, verträumte Kindergärtnerinnen, für Internet-süchtige Kartoffelfresser, für Ärzte ohne Grenzen, für dadaistische Totschläger und fliegende Kyborgs und bescheidene Schrebergärtner. Die Europäische Ekstase ist für alle da! Jesus wird zurückkommen, wenn die Menschen die Erde in das Paradies zurückgebaut haben, das sie mal war. Halleluja!
Jeder Künstler will die Träume der Mächtigen beeinflussen. Das Internet ist das Gehirn des Metamenschen. Alle Berühmten bilden das Geflecht seines Bewusstseins. Es gibt keine allgemeine Instanz für Alle. Es gibt Freundeskreise, es gibt Arbeitskollegen, es gibt Internetbekanntschaften, es gibt berühmte Fernsehsendungen und Filme und Serien, es gibt das Angebot im Supermarkt oder der Kirche, aber es gibt noch nichts, woran die Menschheit als solche sich anlehnen und sich kollektiv versenken kann. Diese Idee einer zur Ruhe gekommenen, radikal vernetzten, vielfältigen, freundlichen Menschheit in kulturellem Dialog lässt mich guter Hoffnung bei Rot über die Kreuzung kommen. Eine Gesellschaft, in der künstlerisches Happening und politische Institution verschmelzen. Ein kreatives, kakophones, stabiles Netzwerk der Instabilität. Eine kollektive Meditation, ein
multikultureller Picknick-Staat: keine Massentierhaltungen mehr, keine PKWs, keine Atomkraft, kein Fracking, kein Kohleabbau mehr, keine Jobcenter- Sanktionen, kein Lohndumping, keine Leiharbeit, kein Bachelorsystem, keine diplomatische Beziehung zu Diktatoren; radikale Menschenrechte, ein Staat der Muße, der psychedelischen Alltagskultur, wilde, notgeile, unergründliche Musik, - ein aufgeweckter, gemütlicher, heller Weltstaat ist das Apartement des Metamenschen. Glückliche, neugierige, kluge Kinder, schwule Kinder, manisch- depressive Kinder, gesunde, aggressive, schöne, strahlende Kinder und transsexuelle Rollstuhlfahrer, cannabissüchtige Heimatlose, traumatisierte Totalverweigerer, süße, nach Klo und Duschdas riechende Huren, die es nicht anders wollen, die es genau so brauchen, befreundet mit ihrem Sozialbetreuer, gern gesehener Gast in der Notfallambulanz. Es gibt keine Trennung mehr von Arbeit und Freizeit, denn das, was man gern in seiner freien Zeit machen würde, ist genau das, wofür man von den Anderen am meisten gebraucht wird. Du kannst dich total verwirklichen in deinem Hobby. Du wirst zu deinem Hobby, aufgeladen mit fragwürdiger Lust und gerechtfertigter Angst und fruchtbarem Wahn und polsternder Trägheit.
Meine Ideen für Bandnamen:
Die Exekutive
Brot und Verderben
Die Islamisierung des Abendlandes
Europa als Ponyhof
Das
Dieter muss sterben
Durst
Octopus Vulgaris
Vielleichtathletik
Die leichten Boys
Das Zucken
Die fünfte Gewalt
Kommando Ingwersuppe
Amoklauf von Nullhausen
Die blühenden Landschaften
Die Kapelle der/zur Guten Hoffnung
An meinem gemütlichen Schreibtisch in einer meiner ungemütlichen Wohnungen schicke ich meine Lebenszeichen ins grelle, unendliche World Wide Web, ins Metahirn der Menschheit (von dem mein Blog/Buch nur ein paar Synapsen ist), ein Netzwerk ohne Zentrum, ein digitales Avatar einer ganzen Spezies. Jeder flimmert sein Licht in den digitalen Raum, die verschiedenen Perspektiven zersplittern das Subjekt der Menschheit. Alle Menschen brauchen das selbe Ziel, um zusammenzuwachsen. Noch eine kleine Anstrengung, dann ist es geschafft.
Das Internet erscheint nur denjenigen als eine brauchbare Notbremse, die zu viel Kaffee getrunken haben. Ich zähle manchmal dazu.
Ausgerechnet in einer Zeit mit Internetanschluss leben: dafür muss ich einfach Dankbarkeit empfinden dem Schicksal gegenüber, das nüchtern betrachtet kein Interesse hat, etwas für mich zu tun. Dankbarkeit im Herzen, aber nicht im Kopf: das ist okay. Eine radikale Wende ist in jeder Minute möglich. Riesiger Optimismus: über das Internet werden sich die Menschen wirklich finden und verbinden. Riesiger Optimismus: die Musik und die Literatur wird sich erneuern, von Klischees und Dogmen befreien, von jeder Marktkonformität: der freie, offene, fröhliche Mensch wird von freier, offener, fröhlicher Kunst inspiriert und motiviert und stabilisiert. Riesiger Optimismus: alles, was ich mir denken kann, kann ich umsetzen.
Wenn der Künstler eines Tages oder Nachts endlich zu sich gekommen ist und also verstanden hat, dass seine künstlerische Schaffenskraft das Zentrum seines Lebens ist, wird er sich fragen, wie sich sein Werk zu den Werken der Anderen verhält, welchen Platz er in der Geschichte seines Berufes einnimmt, welche Rolle er in der Kunstgeschichte spielt und wie er diese Rolle gestalten kann, ob er sie zerbrechen muss oder womöglich aus der ganzen Geschichte einfach aussteigen sollte. Die Geschichte findet in er Wirklichkeit statt und besteht aus der Gesamtheit aller bekannten und unbekannten Kunstwerke, deren Schöpfer und ihren Leben, sowie allen Überlegungen und Gefühlen zu den Werken und Künstlern. Der Kritiker eines Liedes gehört ebenso wie die tanzenden Konzertbesucher zur Musik. - Das Internet macht es nun möglich, dass alle Kunst aller Künstler auf einer einzigen Plattform verlinkt wird zu einer Manifestation der Kunstgeschichte. ((www.all-art.com)) - Es gibt verschiedenste Filter, mit denen man die Fülle an Werken und Kreativen ordnen kann. Es ist möglich, gezielt nach bestimmten Büchern von Autoren mit bestimmten Eigenschaften zu suchen; oder Zeichnungen die inspiriert wurden von bestimmten Künstlern. Jeder, der behauptet, Künstler zu sein, ist damit allein schon Künstler und kann sich ein Profil freischalten lassen. - Wenn es so eine Plattform gibt, gibt es eine ideele und manifeste Heimat für alle bekannten und unbekannten Künstler: ein riesiges Netzwerk, dezentral organsiert, nonkommerziell, volle Benutzerautonomie und frei für jeden und in öffentlicher Hand. Die Werke sind nicht sortiert nach
Verkaufserfolg oder kommerzieller Verwertbarkeit, sondern ordnen sich nach Parametern, die der Nutzer der Plattform bestimmt. Es gibt also nicht mehr die Literaturgeschichte, sondern ein superkomplexes Universum der gesamten Menschheitsliteratur. Das wird das Lesen und Schreiben nachhaltig zum Besseren beeinflussen. Endlich kein Markt mehr! Endlich die reine Literatur, frei zum Filtern nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Alle Kunst versammelt, das unendliche Buch des Menschen. Das unvollendbare Gesamtwerk des Metamenschen.
Stellt euch die Welt ohne Unterhaltungsindustrie vor: was für eine traurige Welt; spricht das gegen die Unterhaltungsindustrie oder gegen die Welt? Ein Alltag ohne Internet, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne Musik, ohne Fiktion, ohne Phantasie - allumfassende Trostlosigkeit, großartig: das Super-Entertainment, das keine Wünsche offen lässt. Je länger ich über Ostdeutschland nachdenke, desto mehr glaube ich, dass die Unterhaltungsindustrie einen hohen Anteil daran hat, dass die Menschen fälschlicherweise glauben, kurzfristig mit ihren Depressionen zurechtzukommen, Depressionen, die unvermeidbar sind, wenn man sich einen etwas genaueren Überblick über die katastrophalen Zustände der Welt und die eigene Schwäche und Bedeutungslosigkeit gemacht hat. Die Abschaffung der Unterhaltungsindustrie würde die Menschen die Entscheidung aufzwingen, ob sie sich den Problemen stellen oder zugrunde gehen wollen. Viele werden zu Grunde gehen wollen und man sollte sie nicht aufhalten. Wenn die alte Welt beseitigt ist, verhandeln wir mit allen Übriggebliebenen alles neu aus: universelle Werte, universelle Institutionen: die Welt als harmonischer Wohnpark; das Böse bekommt ein eigenes Universum am Rand der Welt, denn wenn man den Himmel auf Erden installiert, muss man auch die Hölle auf Erden installieren. Beide Welten müssen scharf voneinander getrennt werden, zum Wohle des Großen und Ganzen! Die Abschaffung der Unterhaltungsindustrie ist der Schrecken, mit dem wir euch empfänglich machen wollen für unsere Utopien. Einer der vielen, schweren Fehler im System der DDR war, dass sie so spießig war und eine "real"sozialistische Leitkultur aufoktroyierte, statt mit Künstlern und Religionsgemeinschaften und Journalisten und Arbeitern und Bauern einen pluralistischen, weltoffenen, selbstkritischen Sozialismus zu begründen und immer wieder neu zu verhandeln. Das strategische Problem des Sozialismus als solchen ist, dass er auf keine Vorbilder verweisen kann und es deshalb kaum jemand gibt, der Mut hat, sich zu einer sozialistischen Gesellschaft zu bekennen. Man gewinnt keine Wähler- stimmen, wenn man die Welt grundlegend verändern will. Die Kunst kann die Menschen inspirieren, Widerstand zu leisten und sich die Welt als grundlegend gestaltbar zu denken. Die Unterhaltungsindustrie hat andere Interessen und muss deshalb abgeschafft werden. Aber danke Spotify, für die großartigen Empfehlungen, die auf meinem Musikgeschmack beruhen, die Empfehlungen werden immer genauer, je öfter ich über Spotify Lieder streame für pervers unfaire 10 Euro im Monat. Das Geld, das die Künstler darüber verdienen können, ist lächerlich wenig, willkommen in der
Zukunft, willkommen in der Digitalisierung. Für mich als nimmersatten Konsumenten hat es nur Vorteile, und was den Nimmersatten Vorteile beschert, ist den Fabrikbesitzern Befehl. Selbst wenn ich über 2000 Euro im Monat verdienen würde, hätte ich nicht genug Geld, um all die tollen Alben zu kaufen, die auf dem Markt sind. Auch ich als Musiker muss damit leben können, wenn mich tausendmal mehr Leute hören als mich direkt finanziell unterstützen. Früher oder später sollten die Sozialsysteme so gemütlich sein, dass die Musiker sich keinem Markt mehr unterwerfen, sich von keiner Mode mehr verziehen lassen müssen; vielleicht sind in Zukunft Superstars vorstellbar, die ein monatliches Einkommen in Höhe der Grundsicherung von knapp 500 Euro nicht überschreiten, die auch nicht mit Konzerten viel Geld verdienen, weil sie Touren ohne Management und Plattenfirma im Hintergrund selbst buchen und das ganze Risiko tragen, freudestrahlend, schmerzerfüllt, heißhungrig. Danke Spotify, dass du mit deinen üblen Methoden die Plattenfirmen zerschlagen hast, danke, dass du allen so unverschämt einfach einen Großteil aller jemals veröffentlichter Musik zugänglich machst, danke, dass du auf Kosten ganzer Musikerexistenzen meinen Musikgeschmack erweiterst, meine eigene künstlerische Arbeit beeinflusst und damit mein ganzes Selbst. Und danke Youtube für meinen tollen Musikvideo-Geschmack und dass ich an deinen Brüsten die dunkle Milch meiner Mitternachtsverwirrungen saugen kann, danke Youtube, dass du mit deinen Algorithmen meine Sehnsucht inspirierst.