BLUME III Wir brauchen eine Kultur der psychedelischen Zwischenmahlzeit.
Wir schütteln einen roten, staubigen Teppich aus über den Nachmittag. Gemütlichkeit, Faulheit, wunderliche Ansichten, wunderliche Zaghaftigkeit, bei rot oder geld oder grün über die Ampel, bei blau und violett und orange über die Straße an der Sparkasse vorbei in eine enge, altertümliche Seitengasse, glitschiges, schwarzes, glänzendes Kopfsteinpflaster, blöder Neujahrsmatsch und meine elektrische Entspannung, die zwischen den Tiefen meines Gehirns über meine Lunge in den Rest des Körpers hin- und herpendelt, wie eine Autobahn kommu- niziert mit Musik- und Gedankenwelt. Langsam komm ich mir wirklich nur noch wie ein Freak vor, ein manisch aufgeblasenes Nichts. Keine echte Substanz, im undurchstößlichen Kontinuum meines belanglosen, matten Körpers, eine in Lange- weile, Isolation, Perversität und einer idiotischen Umgebung groß und stark gewordene Behinderung, ein verklemmtes, verbocktes, lahmarschiges Versacken in ein psychedelisch weich gepolstertes Niemandsland: die katatone Katastrophe. Er hat sich vollkommen zurückgezogen in seinen Garten. Wenn er euch mal zum Tee einladet, geht hin! Du kannst mit der Welt so umgehen, als wäre sie deine Leinwand. Denn alles dreht sich wirklich um dich, jeder hat eine Hoffnung, was dich betrifft, du könntest der eine sein, den alle, ich meine wirklich alle suchen: einen netten Nachbarn, der sich um jeden kümmert, der ein Herz selbst für Ungeheuer und Fanatiker hat, der selbst hypersensibel bis zur Transparenz zwischen allen einfachen und komplexen Begriffen und Denksystemen und all den stolzen, schwammigen Heimatgefühlen, zwischen all der verschwendeten Euphorie und Schlaflosigkeit mit großen, schwarzen, gierigen Kinderaugen im Schneidersitz herumhockt und an seinen Fingern knabbert, bis sie bluten und einen subtilen Schmerz über die Arme in die Herzregion strahlen. Wir müssen uns gemeinsam entgrenzen, in einem einwöchigen Ritual, eine Art Einweihungsritual, der Übertritt von der grauen Nüchternheit in die psychede- lische Unendlichkeit der Möglichkeiten. Jede Sekte braucht ihre Geheimnisse. Unseres heißt: Dextromethorphan im Garten. Psychedelische Öffnung und Vernetzung. Die Menschen glauben an Verwüstung, sie suchen Eskapismus. Wir haben alle die selben Kastrationsängste. Also: Verwahrlose! So lernst du, dich auf das Wesent- liche zu konzentrieren. Verarme! So lernst du, was du wirklich brauchst! Perver- tiere! Raste aus! Bewaffne dich mit Psychosen und Gewaltphantasien, hecke etwas Böses aus, hecke etwas Gutes aus, sei ein vollkommener Buddah, eine vollkommene Jungfrau, ein heroinsüchtiger Esel, eine dauergeile Ficksau, über euch alle wird das gleiche Unheil reinbrechen! Ihr alle werdet an euch selbst zu Grunde gehen! Ich habe gerade noch so viel Energie, aus der Mücke eures Untergangs den Elefanten meiner Schriftstellerei zu machen: ich bin mit gutem Gewissen am Ende, und ihr fast ohne Gewissen - und ihr wisst, im Gegensatz zu mir, was zu tun ist!
Es ist wichtig zu beachten, dass regelmäßige Marihuana-Konsumenten in einer Parallelwelt leben, in der die Dinge anders funktionieren können. Die Entdeckungen, die man dort macht, werden erheblichen Einfluss auf die bürgerliche Gesellschaft und ihren Niedergang haben. Wir können es jetzt noch nicht richtig erkennen, wie der Einfluss genau aussieht. Bestenfalls unterstützen sich die beiden Welten gegenseitig. Niemand schickt Rauchzeichen von so weit vorn. Ich erschlage die Mücke, die mich die letzte Nacht mehrmals aufgeweckt hat. Was hat die sich vollgefressen! Wenn ein Lebewesen zu mehr als 10 Prozent aus deinem Blut besteht, darfst du über seine Existenz verfügen wie es dir passt.
Der Umstand, dass ich nichts verstehen muss, hält schützend seine Hände über mein Gehirn. Es ist nicht nur ein Gedanke, sondern ein objektiver Umstand. Ich kann ihn nur deshalb erfassen, weil er so offensichtlich ist: ich muss nichts verstehen, ich kann mich überall raushalten. Wie automatisch fahre ich mit den Worten über das Ruhekissen des Augenblicks und tümmel mich auf dem vom Tageslicht destabilisierten Markt meiner Gedanken. Cannabis zeigt, dass bestimmte Erkenntnisse nur in bestimmten Stimmungen gesammelt werden können, nur an der Oberfläche und nur für eine kurze Zeit zu finden sind. Jeder kann das Portal auf- und wieder zumachen, aber wer geht durch - noch bevor die Gesellschaft vor den stagnierten Herzen der Mächtigen in die Knie geht?
Nur wenn ich gerade nicht schreiben kann, fühle ich mich, als würde ich mir keine Karriere erkrampfen. Ich darf mich nicht mehr rühren, kein Wort mehr sagen, keinen Fortschritt anstreben: endlich zwinge ich mich nicht mehr, fröhlich zu sein, endlich werde ich plausibel. Ich wünsche mir eine Welt, in der sich plötzlich niemand mehr mit seiner Arbeit identifizieren kann. Apokalyptisch-plüschige Loslösung. Die Kunst hat die Aufgabe, die Distanz zwischen Staat und Leben zu vergrößern.
(5) Ich will in den verbotenen Garten. Eine schwarze Sommerpause.
Am Freitag kommen die Bagger angefahren und ich weiß nicht, wohin ich soll. Hin- und hergeschubst von meinem Liebeskummer zwischen blumiger Koffein- Manie und ätzender Schlaflosigkeit, süßen Träumen und Meditationen kann ich keine Wurzeln hier schlagen, alles wird mich überrollen und ein unendliches Glücksgefühl wird mich durchfahren. Ich trainiere mir schonmal den richtigen Gesichtsausdruck an. - Die besten Veränderungen sind die, die man nicht selbst herbeigeführt hat. Außenwelt, komm ganz dicht an mich ran! Eine Bruchlandung mit grauem Konfetti im Haar. Ich will mein Leben in einen kalten Westernfilm verwandeln. Ich denke nur noch daran, wie all die Leute, die ich auf dem Weg in die Stadt treffe, sich in ihrem Leben fühlen und welche Rolle ich in ihrem Leben spielen würde, wäre ich ein Teil davon, so wie meine Freunde Teil meines Lebens sind. Jeder hat eine Funktion. Was sehen die Leute in mir? Mit welcher Filmfigur würden sie mich vergleichen? Verstehen die Leute, was ich mir von meinem Abstieg verspreche? Ich bin ein offenes Haus, in dem tausende beschriebene Blätter
im dramatischen Abspann-Songs kreuz-und-quer herumflattern. Mit welchem Song sollte ich diesen Abschnitt meines Lebens unterlegen? Ich verkrampfe mich, bis meine Verkrampftheit überspannt und mich wieder freilässt. Das immer gleiche Aua und Oha. Niemand ist hier, ich bin unten angekommen, denn es gibt nichts mehr zu bezweifeln.