Irgendetwas hat es mit meiner Individualität auf sich, ein Wunder, ein dunkles, gefährliches Wunder! Der Glaube an das eigene Ich, die Selbstverständlichkeit eines strahlenden Ichgefühls beschützt uns vor all den Möglichkeiten, die unser Gehirn noch zur Verfügung hat, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Seit ich vor ein paar Tagen - vertieft von dxm-haltigen Hustenstillern aus der Apotheke - zum ersten Mal eine unheimliche Furcht vor meinem Gehirn empfunden habe, ist es mir nicht mehr möglich, an die Idee eines Ichs zu denken, ohne zu glauben, in einer Illusion zu leben, die meine Würde in Frage stellt. Die Menschen ahnen alle, dass es eine "andere" Seite gibt, dass es kalten Wahnsinn und kaltes Elend und unendlichen Tod gibt, sie wissen, dass man bestimmte Grenzen nicht ohne Folgen überschreiten kann und richten ihr Leben entsprechend ein. Ich will wissen, was mein Gehirn aushalten kann, um herauszufinden, wer ich bin. "Drogen sind Werkzeuge, die Materie auszuloten, aus der man besteht.", höre ich mich vor einer unsichtbaren Instanz rechtfertigen.
Die Kluft zwischen Realität und Alltagsrealität ist ein Skandal, über den man stolpern muss, wenn man sich für die Möglichkeiten des eigenen Lebens interessiert. Was tut der Körper und das Bewusstsein, wenn das Ichgefühl betäubt ist? Die DXM-Dissoziation ist eine Methode, die Frage zu beantworten.
Der Körper ist die einzige Substanz, über die man verfügt! Schwindelgefühl, leichte Übelkeit, ein angenehmes, freundliches Stoned. Eine flimmernde Euphorie wie beim Fasten, dazu mein sperriger, schwerfälliger, viel zu große, viel zu demütig ausgeleiferte Körper. Wenn ich an mich denke, komme ich mir vor, als würde ich mich auf die Bühne, ins Scheinwerferlicht schubsen und mich einer unbekannten Masse ausliefern. Was soll ich hier? Ich würde gern traurige Augen haben. Wieviel Wahrnehmung, wieviel Leben erträgt man? Wieviel Ereignisse kann mein Gehirn überleben? Ich bin ein selbstbewusster Gegenstand, den Musik etwas von Seele und Halt und Zukunft ins Ohr schwatzt. Ich höre gern zu und fühle mich fast so, als würde sich ein Lehrer über mich beugen und mir einreden, dass sich mein Leben lohnt. Er wird bezahlt dafür! Ich laufe um diesen Gedanken herum in kleinen Pinguin-Schritten. Ich darf mich nicht in die Idee verrennen, dass ich dankbar sein muss, oder dass ich etwas für Andere leisten muss. Meine Finger sind klebrig vom Schweiß, den die Tabletten aus mir herausdrücken.
Unser schönes Haus schwankt und wir werden bald hier rausgeekelt vom neuen Vermieter, der alles grundsanieren will und die Wohnungen an Leute verkaufen, die dreimal so viel Miete bezahlen können wie wir. Es gibt niemanden, der uns beschützt. Es gibt niemanden, der sich für uns interessiert. Ich sitze auf dem Klo und spüre, dass ich wieder in einem ganz anderen Zustand bin als üblicherweise. Wichtig: trinken und nicht mehr nehmen! Ich schaue die Worte an, die ich benutze. Es ist so toll, dass man mit Buchstaben Gefühle und Gedanken in anderen Menschen auslösen kann. Jedes Wort ist Teil
meines Lebens, jedes Wort hat eine andere Schwingung, eine andere Funktion. Sechsundzwanzig Zeichen sind die Bausteine sämtlicher Begriffe. Schau ich mir ein Wort an, so sehe ich, dass es nur ein Wort ist. Dieses "nur" will mir Angst machen. Alles nur Worte. Was, wenn alle Worte versagen? Wahnsinn könnte der Zustand einer intensiven Wortlosigkeit sein. Die Worte beschützen uns vor dem Universum, dem Tod, dem Nichts. Die Worte sind Ideen, sind Versuche, Brücken, sind Blumen und Steine.
Mein Freundeskreis besteht aus instabilen, schönen Hochmütigen und depressiven, feinen Ewig-Sonntägigen, auf die der Bürgermeister sich nicht verlassen kann, weil sie so überempfindlich sind. Jeder drückt seinen Mitmenschen irgendwas rein. Wir prägen uns, wir beeinflussen uns. Ein Freundeskreis ist ein Eintopf. Unserer Eintopf wird vom neuen Vermieter ausgeschüttet, weil er der Stadt nicht schmeckt. Der Satz kann erst seine Brisanz zünden, wenn man sich vorstellt, wie seine Wörter durch die Wohnung stürzen wie mein besoffener Nachbar, der Ibuprofen genommen hat, um die Schmerzen einzuweichen, die ihm eine Waschmaschine bei einem Umzug vorgestern in die Schulter geklemmt hat. "Hier, nimm das!"
Man will uns die gute Laune nehmen, man zeigt mit dem Finger auf die bedrohliche Abenddämmerung, die unser Haus umkreist. "Seht ihr denn nicht?" Ja, wir sehen, aber wir verhalten uns nicht entsprechend, wir machen einfach nicht das, was ihr von uns erwartet. Das Leben ist kein Film, der bestimmte Regeln einhalten muss. Es ist Prüfungszeit und wir hängen besoffen auf der Schultreppe und draußen geht ein fürchterlicher Sturm nieder und wir wollen nicht nach hause. Unsere Eltern leben in einer ganz anderen Welt, genau wie die Lehrer. Unser Schiff schaukelt hin und her, wir wollen nicht an Deck, wir wollen die Welt da draußen nicht, wir wollen sie zurückschieben, wir wollen da nicht rein. Wir sind weiche, langsame Kinder, die lieber Löcher in den Boden bohren wollen (um die Freiheit zu vergrößern die zwischen Himmel und Erde eingeklemmt ist) oder Dinge beim Wachsen und Verfallen beobachten, als mit Antidepressiva und Alkohol vollgepumpt auf die Dorf-Kirmes geschubst zu werden, nur um am nächsten Morgen in den Ruinen unserer einsamen Körper zu erwachen.
Ich bin froh, dass sich ein Automatismus um meinen Atem kümmert, ich schwappe an den Rand meines Gehirns. Wir glotzen in die Zukunft und wissen nichts. Wir brauchen Wärme und wissen nichts. Wir haben sympathische Stimmen und wissen nichts. Wir reflektieren über das, was wir tun und wissen nichts. Wir sind weder fröhlich noch depressiv, wir sind pumpende, schnaubende, sich dehnende, atmende Körper. Niemand kann uns unseren Körper wegnehmen, niemand kann uns unsere Sehnsucht wegnehmen, die in all unseren Organen glüht und uns den Weg nach vorn zeigt. An meiner Körperhaltung kann man ablesen, dass ich nicht weiß, welche Funktion ich in der Welt habe. Ich schwebe wie ein Luftballon über der Stadt und hoffe, dass man mich nicht loslässt. Ja, wer hat mich überhaupt in der Hand? Dass ich noch
existiere, ist wie ein Grinsen, das einem schönen Sonnenuntergang entgegenfließt. Ich darf nicht vergessen zu trinken, denn das DXM dehydriert. Der Wunsch, nicht zu sterben ist wichtiger als die Haut, die den Körper von der Welt abtrennt.
Ich habe ein Gehirn, so wie andere Menschen auch. Der Hinweis, dass ein DXM- Rausch mehr Wissen und Wahrheit bringen könnte, ist wichtig, ist ein Stück Schokolade, das man dem Selbstmörder auf dem Dach in den Mund legen kann. Ich spüre, wie mich mein Nachbar und Cioran und die Lieder die ich höre so prägen wollen wie ich als Kind geprägt wurde von Menschen und Gedanken und Musik. Die Abblende gehört zum Lied - so wie die Rundung eines Sessels zum Sessel zum Sessel zum Sessel. Da ist wieder das Echo der Euphorie.
Wenn man "eben grad" mit "damals" ersetzen würde, würde man sich die Chance geben, das Leben geräumiger zu machen.
Ich habe das Gefühl, den Text fertig zu haben. Ich habe das Bedürfnis, tausende Kopien davon anzufertigen und über die Stadt zu verteilen. Ja, sowas kann man machen, wenn man lebendig ist, fühle ich mich als ob ich in einem dunklen Schlafzimmer träume, ich fühle mich gehetzt von der Musik, als wäre die Musik mein Publikum. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht. Doch was nützt es?
Ich glaube auf DXM hat man die Aufgabe, eine Brücke zwischen seiner tiefsten Innenwelt und der nächsten, äußeren Welt zu bauen. Eine Straße, die man nehmen kann, wenn man von einem Zustand in den anderen kommen will. Das hier ist ein Spatenstich. Ich winke hektisch die Fotografen weg, die sich um mich herum in Stellung bringen.
Mögliche Nebenwirkungen der DXM an den folgenden Tagen: - die Lust zu lügen, meist nur Kleinigkeiten; die Unfähigkeit die Wahrheit zu sagen ohne mich zu schämen, später aber extreme Scham für die Lüge, - extreme Dünnhäutigkeit, - die Vermutung, dass all meine Freunde wahnsinnig sind und mir gefährlich werden können, - kleine Missgeschicke reiben total auf und erniedrigen mich (z.B. wenn mir Geschirr runterfällt, oder ich eine Mahnung von meinem Telefonanbieter erhalte oder meine Schlüssel nicht finde) - die Lust mich der apokalyptischen Stimmung hinzugeben, die seit Wochen in diesem Haus hängt, - die Erkenntnis dass es keine Musik gibt, die mir entspricht, - das Gefühl, der Welt ausgeliefert zu sein, - das Gefühl, nichts dagegen tun zu können, dass man permanent missverstanden wird.