DIE DXM-INTERVENTIONEN
Vorbemerkungen
1.....
Der Anfang dieses Kapitels muss ein schwarzer Knoten sein, der tief in der Erde vergraben ist.
Eine Manie zu bekommen ist leicht, wenn man Hustenstiller, Gras und Kaffee kombiniert. Diese Manie ist eine Waffe. Ein glänzender Ausgangspunkt. Ein Auftrag. Ein Fall.
DXM ist eine sonderbare Substanz, der ich hiermit ein Kapitel in meinem Blumebuch widmen möchte.
Es ist ein nicht hinnehmbarer Skandal, dass wir gezwungen sind, Menschen zu sein. Wir sind gezwungen, unsere Organe zu benutzen, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Immer die gleichen Muster. Immer die gleichen Muster. Immer dieses Licht. Es blendet. Die Sonne ist heiß. Ich schäme mich für mein Talent. Niemand sieht mich.
Der großartige Noise der Caféhäuser, der ganze Planet quatscht miteinander. Ich stolpere, scheitere, enttäusche. Wer macht hier Druck? Es ist lahmarschig, wir wollen etwas erleben, wir wollen Ablenkung, wir wollen und wollen und zerbrechen an unserem Wollen. Wie kann man sich nur gezwungen fühlen, ein Mensch zu sein? Strammstehen für die Kunst. Wie dringend ist das Leben? Ich spüre, dass alles auf ein großes Fest hinausläuft. Ich trau mich noch nicht, "Guten Morgen, Europa!" zu sagen.
Mach ich die Sache gern? Mach ich die Sache wirklich gern? Obwohl mich das Elend von Milliarden meiner Mitmenschen niemals Ruhe lassen soll, bin ich absolut zufrieden mit mir, der Tag ist sehr stabil, es gibt gehörig viel wahrzunehmen, schaut nur! Ich weiß, was gute Literatur ist. Gute Literatur verzaubert. Worin besteht der Zauber? Du erfindest eine Welt, wenn du liest, du erfindest eine Welt, wenn du denkst. Alles ist eine Erfindung deines Gehirns. Wenn du deine Gedanken änderst, änderst du deine Welt. Ich habe nichts außer meine Sprache, ich habe nichts. Niemand wird das lesen. Wir sind alle alleine und haben nichts.
2.......
Der Esel. - Ich kann mir keine Bilder von Leuten anschauen ohne ihre Frisuren seltsam zu finden. Eine Frisur zu haben ist seltsam, aber unvermeidbar. Ich werfe mein Lachen wie Tannenzapfen auf mein himmelblaues Kissen und steh auf. Ich mag es wie meine Worte und mein Ichgefühl schräg nach links gekämmt werden von meinen Schwestern Dxm und Lsa. Gemütliche Monster ohne klare Funktion. Ich genieße es mir vorzustellen, wie verächtlich meine Mutter von oben auf mich schaut. Ihre dunklen Augen voller Unverständnis, sie wirft mir irgendetwas vor, sie kann es nicht leiden, wenn ich etwas mache, was ihren kleinen Horizont übersteigt. Ich knirsche mit den Zähnen. Du klingelst an der Tür. Ich mag deine süße, zarte Beschränktheit, sie bildet einen schönen Kontrast zu meiner bitteren, groben Beschränktheit, bis ich die Lust habe, eine Flagge zu hissen, die alle Leute der Stadt daran erinnert, dass die Realität dem Gehirn weit überlegen ist. Ich bin viel zu tief und bodenlos, um von einer Wahrheit oder einem Wahn gefüllt werden zu können. Gleichgültiges Zittern hält mein Leben im Reinen. Die Illusion etwas verstanden zu haben, ist nicht nötig. Hier unten kann man keine Fragen beantworten, deshalb ist es so gemütlich. Hier ist alles verschwommen und der Beat ist stramm und munter und eine schwere Coolness kommt, sie erhebt mich, ich kann mit allem was anfangen, weil mir alles egal ist. Ich bin ein übermütiger Esel, der mit hundert Sachen einen Berg runter rennt. Das ist nicht nur ein Text.
3....
Ich fühle mich verbunden mit allen in Entspannung manisch gewordenen Taugenichtsen auf der ganzen Welt zu allen Zeiten. Während meine Eltern - typische Erzgebirger (hässlich, grantig, lieblos, ungebildet, arrogant, phantasielos, pessimistisch und feige) - sich zunehmend positiv über die AfD äußern und die Frage, welche Charaktereigenschaften sich vererben und ob man das Recht hat, sich gegebenenfalls gegen die eigenen Erbanlagen aufzulehnen, mir den Hals brechen könnte, gebe ich die ersten Euros des neuen Monats für zwei Kilo Äpfel, eine Plastikdose Bio-Instant-Kaffee und drei Packungen Hustenstiller aus, um ein weiteres Stück Erfurt aus meinem Körper zu scheißen: seit einem halben Jahr zelebriere ich auf diese Art den Monatswechsel. - Ich sitze im Park und beginne mich also mit Hilfe der rezeptfreien, aber apothekenpflichtigen DXM-haltigen Kapseln in den unglaublichen Skandal meiner körperlichen Existenz zu vertiefen. Die Hustenstiller haben einen starken dissoziierenden Effekt: das Ichgefühl kommt völlig abhanden und man erkennt das ganze Drama ungefiltert. Alle Menschen sind genau so hilflos verloren in ihrer Existenz wie ich selbst. Wer existiert, ist ausgeliefert. Existenz bedrückt. Existenz ist weitaus schlimmer als Nichtexistenz. Aber schlimm ist nicht gleich schlecht. Es ist halt schlimm, wie schlimmes Wetter, ein schlimmes Gesicht, eine schlimme Krankheit, eine schlimme Grundlage für ein umwerfend sentimentales Kunstwerk. Dass wir Körper sind, dass wir Gehirne sind, dass wir biologisch abbaubare Materie sind, ist der Skandal, den unser Ichgefühl ausgleichen will, und wer besonders Angst hat, nennt sein Ichgefühl Seele, aber sie ist keine Substanz, nichts worauf man sich verlassen kann, wenn man sich die Scheuklappen abgenommen hat. Sie ist ein Gedankenkonstrukt, ein Ideal, ein Gespenst, ein produktiver, kreativer Wahn. Deswegen erscheinen mir selbstunsichere, ängstliche Leute so viel authentischer. Die Selbstbewussten, Fröhlichen, Stabilen kommen mir immer so vor, als würden sie mir etwas vormachen. Auch ich gehöre zu denen, wenn ich schreibe: "Wir müssen so tun, als würden uns großartige Zeiten bevorstehen, anders geht es nicht. Wir müssen einer Manie ein Denkmal bauen, ohne an sie zu glauben. Die Lust, die unser theatralisches Eifern und Geifern weckt, ist völlig ausreichend, um gut durch Erfurt zu kommen."
Wie eine Feder fällt der Anfang dieses Monats in den federleichten Anfang der Feder. Die weiße, radikale Feder rieselt ein grinsendes Hallo durch das bunte, knisternde, plüschende Kaufhaus unter meiner Schädeldecke, in dem ich meine lieben Freunde zum Tee trinken treffe, ich habe grüne Schuhsohlen, der Tag zieht sich weder Schlafanzug an noch denkt er an morgen. Der Tag ist hier und will von dir massiert werden. Du bist wirklich ein guter Junge, ich mag dich. Meine Liebe ist ein grün leuchtendes Nest, eine pendelnde Glühbirne, die jemand über die Stadt wirbelt wie ein Lasso, um deine Zurückhaltung einzufangen. Alle setzen ganz bestimmte Augen auf: "Erfurt kneift seine Bockwurstaugen zu: öffnet die Illusion, dass alles okay so ist. Die Zeit geht einfach vorbei und das Gehirn macht irgendwann nicht mehr mit und während ich mir dunklen, elektrischen Jazz anhöre und ins Nichts starre und niemand mich braucht, erkenne ich in meinem schwarzen, dummen Glotzen ins Nichts die einzige Substanz, über die ich verfüge. Zum Glück komm ich mir nicht so vor, als würde ich mich hier fangen können, als würde ich die Maschine so einstellen können, dass was Ordentliches dabei herauskommt. Ich bin nur der, der "ich bin nur der"-Sätze schreibt.
Wenn man dissoziiert ist, redet man nicht mit einem Menschen, sondern mit allen. Ohne Selbstgefühl bleibt einem ja auch nichts anders übrig, als sich an alle zu richten, also richte ich mich an alle: Man ist gezwungen ist, etwas mit sich anzufangen, ohne genau zu wissen, was. Es gibt diesen paternalistischen Druck, spürt ihr ihn? Existenz und Verantwortung, Leiblichkeit und Pflicht. Wozu ist man verpflichtet? Ich glaube, ich bin nur authentisch, wenn meine Freunde mich mögen. Meine Freunde sind wie Organe in meinem Körper und ich bin ein Organ in ihnen. Manchmal werde ich etwas panisch, wenn ich mir überlege, was meine Freunde typisch für mich finden. Wenn die Dissoziation dein Ichgefühl ausgehebelt hat, bist du wieder so hilflos der Welt ausgeliefert wie als kleines Kind, du spürst eine überwältigende Einsamkeit, du kannst nur noch einäugig in die Bäume starren und schwitzen, spüren wie dein Körper sich bizarr verrenkt und endlich wissen, dass kein Mensch in der Lage ist, ehrlich zu sein, weil es keine Grundlage dafür gibt, denn kein Mensch kennt sich wirklich: jeder ist sich selbst genauso unbekannt wie jedem Anderen, und der Mensch reagiert ja naturgemäß mit Aggression und Verachtung auf alles, was er nicht versteht. Sobald man irgendwem vertraut, belügt man sich selbst und den Anderen. Jeder macht jedem etwas vor. Der Mensch ist ein ängstliches, argwöhnisches, missgünstiges Tier und je besser er das verschleiert, desto gefährlicher ist er.
Psychedelische Menschenrechte:
- Kein Mensch darf gezwungen werden, an seinem Ich hängen zu bleiben.
- Jeder muss sich immer unerreichbar machen können.
- Jeder muss überall hinreisen und überall wohnen können.
- Alle sollen solang schlafen und solang wachbleiben können wie sie wollen.
- Alle müssen mit allen geeigneten Mitteln ihr Gehirn erfahren dürfen.
- Jeder darf mit seinem eigenen Körper machen was er will.
- Alle Menschen müssen Kunst ernster nehmen dürfen als Gesetze.
- Kreativität und Bewusstsein sind das selbe.
"Wenn Sie mir das Gras wegnehmen, dann sitze ich den ganzen Tag in Erfurt fest!", brüllte der alte Mann seine Sachbearbeiterin in die Knie. Sie beteuert, dass sie nur geltendes Recht umsetzt. Soll er sich doch ein Hobby oder eine Arbeit suchen! - Im Straßenbahnradio kommt "Charley don't surf!" von The Clash, wir hören genau hin, drücken unsere Köpfe an die kalte Scheibe und ich bin so kreativ, dass ich Angst hab kreativ zu sein. "Mal sehen ob es sich lohnt!", sagt die schleimige, salzige Schnecke und fährt durch die Stadt, mit zugekniffenen Augen, dem Herz am rechten Fleck, der Samstagnachmittag zieht wie eine freundliche, dicke Kassiererin vorbei und ich stolpere und mach halt so Zeug. Reicht es nicht, dass ich die bunten Straßen vor meinem grauen Haus ernst nehme?
4
Meine Zukunft entscheidet sich mit meinen Texten. Ich definiere mich als digitale Persönlichkeit, wenn ich diese Texte in einem Blog veröffentliche. Ich bin eine andere Person, wenn ich schreibe. Mein Textkörper hat mehr mit mir zu tun als mein Bio-Körper.
Mein Werk ist eine Lebensform. Genau 23:23:23 Uhr. Oh schon wieder eine wunderbare Synchronizität.
Es gibt ein apothekenpflichtiges Werkzeug, das dir hilft zu verstehen, was dein Ich ist und was dein Ich nicht ist: DXM; ein Dissoziativa; jeder hat die Pflicht herauszufinden, wer er ist. Jeder hat die Pflicht, etwas mit seinem Körper anzufangen. Wer hat die Kontrolle? Wer in mir hat die Kontrolle? Wer hat die Kontrolle? Was bedeutet Kontrolle? Wem nützt meine Selbstkontrolle? Was hat die Musik mit mir zu tun? Was haben meine Eltern mit mir zu tun? Was hat das Haus und die Stadt und das Wetter mit mir zu tun? Was hat das Internet mit mir zu tun? Was haben meine Geschlechtsteile mit dir zu tun?
ich will nicht zu früh sterben
und auch nicht zu spät
Ich scheitere mit einem Kopf voll Kirschen....
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DXM-Intervention I, vom 21.April 2015.