DXM-Intervention III, vom 17. Mai 2015.
Irgendetwas hat es mit meiner Individualität auf sich, ein Wunder, ein dunkles, gefährliches Wunder! Der Glaube an das eigene Ich, die Selbstverständlichkeit eines strahlenden Ichgefühls beschützt uns vor all den Möglichkeiten, die unser Gehirn noch zur Verfügung hat, um sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Seit ich vor ein paar Tagen - vertieft von dxm-haltigen Hustenstillern aus der Apotheke - zum ersten Mal eine unheimliche Furcht vor meinem Gehirn empfunden habe, ist es mir nicht mehr möglich, an die Idee eines Ichs zu denken, ohne zu glauben, in einer Illusion zu leben, die meine Würde in Frage stellt. Die Menschen ahnen alle, dass es eine "andere" Seite gibt, dass es kalten Wahnsinn und kaltes Elend und unendlichen Tod gibt, sie wissen, dass man bestimmte Grenzen nicht ohne Folgen überschreiten kann und richten ihr Leben entsprechend ein. Ich will wissen, was mein Gehirn aushalten kann, um herauszufinden, wer ich bin. "Drogen sind Werkzeuge, die Materie auszuloten, aus der man besteht.", höre ich mich vor einer unsichtbaren Instanz rechtfertigen.
Die Kluft zwischen Realität und Alltagsrealität ist ein Skandal, über den man stolpern muss, wenn man sich für die Möglichkeiten des eigenen Lebens interessiert. Was tut der Körper und das Bewusstsein, wenn das Ichgefühl betäubt ist? Die DXM-Dissoziation ist eine Methode, die Frage zu beantworten.
Der Körper ist die einzige Substanz, über die man verfügt! Schwindelgefühl, leichte Übelkeit, ein angenehmes, freundliches Stoned. Eine flimmernde Euphorie wie beim Fasten, dazu mein sperriger, schwerfälliger, viel zu große, viel zu demütig ausgeleiferte Körper. Wenn ich an mich denke, komme ich mir vor, als würde ich mich auf die Bühne, ins Scheinwerferlicht schubsen und mich einer unbekannten Masse ausliefern. Was soll ich hier? Ich würde gern traurige Augen haben. Wieviel Wahrnehmung, wieviel Leben erträgt man? Wieviel Ereignisse kann mein Gehirn überleben? Ich bin ein selbstbewusster Gegenstand, den Musik etwas von Seele und Halt und Zukunft ins Ohr schwatzt. Ich höre gern zu und fühle mich fast so, als würde sich ein Lehrer über mich beugen und mir einreden, dass sich mein Leben lohnt. Er wird bezahlt dafür! Ich laufe um diesen Gedanken herum in kleinen Pinguin-Schritten. Ich darf mich nicht in die Idee verrennen, dass ich dankbar sein muss, oder dass ich etwas für Andere leisten muss. Meine Finger sind klebrig vom Schweiß, den die Tabletten aus mir herausdrücken.
Unser schönes Haus schwankt und wir werden bald hier rausgeekelt vom neuen Vermieter, der alles grundsanieren will und die Wohnungen an Leute verkaufen, die dreimal so viel Miete bezahlen können wie wir. Es gibt niemanden, der uns beschützt. Es gibt niemanden, der sich für uns interessiert. Ich sitze auf dem Klo und spüre, dass ich wieder in einem ganz anderen Zustand bin als üblicherweise. Wichtig: trinken und nicht mehr nehmen!
Ich schaue die Worte an, die ich benutze. Es ist so toll, dass man mit Buchstaben Gefühle und Gedanken in anderen Menschen auslösen kann. Jedes Wort ist Teil meines Lebens, jedes Wort hat eine andere Schwingung, eine andere Funktion. Sechsundzwanzig Zeichen sind die Bausteine sämtlicher Begriffe. Schau ich mir ein Wort an, so sehe ich, dass es nur ein Wort ist. Dieses "nur" will mir Angst machen. Alles nur Worte. Was, wenn alle Worte versagen? Wahnsinn könnte der Zustand einer intensiven Wortlosigkeit sein. Die Worte beschützen uns vor dem Universum, dem Tod, dem Nichts. Die Worte sind Ideen, sind Versuche, Brücken, sind Blumen und Steine.
Mein Freundeskreis besteht aus instabilen, schönen Hochmütigen und depressiven, feinen Ewig-Sonntägigen, auf die der Bürgermeister sich nicht verlassen kann, weil sie so überempfindlich sind.
Jeder drückt seinen Mitmenschen irgendwas rein. Wir prägen uns, wir beeinflussen uns. Ein Freundeskreis ist ein Eintopf. Unserer Eintopf wird vom neuen Vermieter ausgeschüttet, weil er der Stadt nicht schmeckt.
Der Satz kann erst seine Brisanz zünden, wenn man sich vorstellt, wie seine Wörter durch die Wohnung stürzen wie mein besoffener Nachbar, der Ibuprofen genommen hat, um die Schmerzen einzuweichen, die ihm eine Waschmaschine bei einem Umzug vorgestern in die Schulter geklemmt hat. "Hier, nimm das!"
Man will uns die gute Laune nehmen, man zeigt mit dem Finger auf die bedrohliche Abenddämmerung, die unser Haus umkreist. "Seht ihr denn nicht?" Ja, wir sehen, aber wir verhalten uns nicht entsprechend, wir machen einfach nicht das, was ihr von uns erwartet. Das Leben ist kein Film, der bestimmte Regeln einhalten muss. Es ist Prüfungszeit und wir hängen besoffen auf der Schultreppe und draußen geht ein fürchterlicher Sturm nieder und wir wollen nicht nach hause. Unsere Eltern leben in einer ganz anderen Welt, genau wie die Lehrer. Unser Schiff schaukelt hin und her, wir wollen nicht an Deck, wir wollen die Welt da draußen nicht, wir wollen sie zurückschieben, wir wollen da nicht rein. Wir sind weiche, langsame Kinder, die lieber Löcher in den Boden bohren wollen (um die Freiheit zu vergrößern die zwischen Himmel und Erde eingeklemmt ist) oder Dinge beim Wachsen und Verfallen beobachten, als mit Antidepressiva und Alkohol vollgepumpt auf die Dorf-Kirmes geschubst zu werden, nur um am nächsten Morgen in den Ruinen unserer einsamen Körper zu erwachen.
Ich bin froh, dass sich ein Automatismus um meinen Atem kümmert, ich schwappe an den Rand meines Gehirns. Wir glotzen in die Zukunft und wissen nichts. Wir brauchen Wärme und wissen nichts. Wir haben sympathische Stimmen und wissen nichts. Wir reflektieren über das, was wir tun und wissen nichts. Wir sind weder fröhlich noch depressiv, wir sind pumpende, schnaubende, sich dehnende, atmende Körper. Niemand kann uns unseren Körper wegnehmen, niemand kann uns unsere Sehnsucht wegnehmen, die in all unseren Organen glüht und uns den Weg nach vorn zeigt.
An meiner Körperhaltung kann man ablesen, dass ich nicht weiß, welche Funktion ich in der Welt habe. Ich schwebe wie ein Luftballon über der Stadt und hoffe, dass man mich nicht loslässt. Ja, wer hat mich überhaupt in der Hand? Dass ich noch existiere, ist wie ein Grinsen, das einem schönen Sonnenuntergang entgegenfließt. Ich darf nicht vergessen zu trinken, denn das DXM dehydriert. Der Wunsch, nicht zu sterben ist wichtiger als die Haut, die den Körper von der Welt abtrennt.
Ich habe ein Gehirn, so wie andere Menschen auch. Der Hinweis, dass ein DXM-Rausch mehr Wissen und Wahrheit bringen könnte, ist wichtig, ist ein Stück Schokolade, das man dem Selbstmörder auf dem Dach in den Mund legen kann. Ich spüre, wie mich mein Nachbar und Cioran und die Lieder die ich höre so prägen wollen wie ich als Kind geprägt wurde von Menschen und Gedanken und Musik. Die Abblende gehört zum Lied - so wie die Rundung eines Sessels zum Sessel zum Sessel zum Sessel. Da ist wieder das Echo der Euphorie.
Wenn man "eben grad" mit "damals" ersetzen würde, würde man sich die Chance geben, das Leben geräumiger zu machen.
Ich habe das Gefühl, den Text fertig zu haben. Ich habe das Bedürfnis, tausende Kopien davon anzufertigen und über die Stadt zu verteilen. Ja, sowas kann man machen, wenn man lebendig ist, fühle ich mich als ob ich in einem dunklen Schlafzimmer träume, ich fühle mich gehetzt von der Musik, als wäre die Musik mein Publikum. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht. Doch was nützt es?
Ich glaube auf DXM hat man die Aufgabe, eine Brücke zwischen seiner tiefsten Innenwelt und der nächsten, äußeren Welt zu bauen. Eine Straße, die man nehmen kann, wenn man von einem Zustand in den anderen kommen will. Das hier ist ein Spatenstich. Ich winke hektisch die Fotografen weg, die sich um mich herum in Stellung bringen.
Mögliche Nebenwirkungen der DXM an den folgenden Tagen:
- die Lust zu lügen, meist nur Kleinigkeiten; die Unfähigkeit die Wahrheit zu sagen ohne mich zu schämen, später aber extreme Scham für die Lüge,
- extreme Dünnhäutigkeit,
- die Vermutung, dass all meine Freunde wahnsinnig sind und mir gefährlich werden können,
- kleine Missgeschicke reiben total auf und erniedrigen mich (z.B. wenn mir Geschirr runterfällt, oder ich eine Mahnung von meinem Telefonanbieter erhalte oder meine Schlüssel nicht finde)
- die Lust mich der apokalyptischen Stimmung hinzugeben, die seit Wochen in diesem Haus hängt,
- die Erkenntnis dass es keine Musik gibt, die mir entspricht,
- das Gefühl, der Welt ausgeliefert zu sein,
- das Gefühl, nichts dagegen tun zu können, dass man permanent missverstanden wird.
DXM-Intervention IV, vom 2. Juni 2015.
ein schwarzer BACH AMENDE DES TAGES
Süße, melancholische Verlockung liegt in der Idee einfach zu versacken und die blöden Bauarbeiter über mich drübertrampeln zu lassen... Einfach die Zunge rausstreckend, lachend, schreibend, tanzend alles über mich ergehen lassen. Ich habe gerade einen Bach am Ende des Tages geöffnet, ein schöner leichter Bach, noch dunkler als das Blut in meinen Adern, von der Zimmerdecke tropfend auf mein weiches Bett, meine Augen schwarz vor Erregung, meine Bewegungen kommen aus der tiefsten Tiefe, ich zittere und versuche nicht die Nerven zu verlieren. Ich weiß nicht, wer zu mir gehört und wer nicht, es ist so einfach sich wegzustoßen und frei von festen Eigenschaften unters Bett zu kriechen und an einer Rose zu riechen. Diese kühle Heiterkeit, während uns bald die Bagger und Bulldozer umkreisen. Ich hätte es gern, wenn wir unsere Traurigkeiten aufrichtig zur Schau stellen würden. Es ist toll, dass es richtig ist, hier zu sitzen und zu wissen, dass sich niemand mit den stinkenden Socken beschäftigt, die ich hier ein Buchstabe nach dem anderen aufhänge, genau so toll wie jemanden an den Arsch zu fassen, den man auch umarmen würde und dessen modriges Geschirr man spülen würde ... Eine Violine sägt wie eine unterbezahlte Massage-Fachkraft an meiner Einsamkeit herum... Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre und wer zu mir gehört... falls das nicht das selbe ist. Hier unten, auf meinem von dunkelrotem DXM und gleißender Barock-Musik erleuchteten Fußboden bin ich ganz auf mich allein gestellt, hier kann ich mich nicht belügen. Ich bin hier und schreibe in meine schwarze Tastatur, es ist kalt, die Musik ist sehr vorsichtig, wie gierige Frauen mit käsemondgelben Gesichtern in schwarzen Gewändern sich an mir vorbeischleichen und ich leide daran, die Freiheit, die meine Euphorie mir gibt, nicht ausgestalten zu können. Ich sitze hier, und manipuliere die Tastatur derart, dass sie meine unsichtbaren Worte sichtbar macht. Das ist meine Arbeit, wie Andere über den dunkelgrünen Amazonas eine Brücke bauen. Ich fühle mich wie ein Butler, der streng nach Vorschrift durch den Raum stolziert. Eine helle, klare Nacht. Fehler in der rechtschrteibung sinfd wie sabbern beim reden wenn man genommen hat substanz. substanz. substanz. ich reagiere auf substanz. tanze a.leine mit substanz. Man muss berauscht sein von dxm und cannabis und sich dann fragen: "wer bin ich?" diese leistung kann keiner uns abnehmen... was fängt man mit dem leben hier an, das ist die trommelnde frage...mit leuten angekuschelt sein und trommeln am rand der nacht? oh gott... das hier ist was ernstes.,... ich erkenne, dass das leben etwas ernstes ist..ok... was ist gerade passiert>? oh je eindeutig... total seltsam. rot. alles rot. total neben an. mit wem verbunden? mit irgendwem direkt verbunden. ich rede mit mir selbst- warum ist bach so klebrig? die tastatur wie buntes popcorn. tschau tobias... mach endlich mal weg... geh raus... schwarze dünne augenlider. hunger. der tag ist eine rosenknospe .. ich habe lust hinter allem was bach grad macht ein ausrufezeichen zu setzen. ich bin eine maschine, die dazu gedacht ist, lust zu bereiten. das leben soll unter allen bedingungen spaß machen. der auftrag ist: alle menschen eine bedeutung geben. alle berühmt machen. alle wichtig machen,. Violin Partita #3 in E, BWV 1006 - 3. Gavotte en Rondo - - - Es ist ganz einfach: alle worte sind brücken....dies ist ein haken an den ich mein leben hängen kann, bloß nicht daran denken dass man einen körper hat...alles scheint auf eine schmusige orgie hinauszulaufen, stelle ich plötzlich fest... alles scheint auf eine dunkle, gemütliche kuschel- und freejazz-orgie hinauszulaufen, ein euphorischer karneval der hoffnung. ich weiß immer noch nicht was genau passiert ist. ich fühle mich erleuchtet von verwirrung, ich schlafe ein.
*
DXM-Intervention V, vom 12. Juli 2015.
24-Hustenstiller-Kapseln von Silomat, die Stunden zuvor 2 Liter Grapefruit-Saft zur Verstärkung.
(Gedächtnis-Protokoll.)
(1)
Die Selbstverständlichkeit, dass etwas existiert, dem man sich stellen muss, verschwindet mit einem Rutsch und hinterlässt einen kalten, zeitlosen Schrecken in meinen Knochen, den ich noch niemals gefühlt habe, kochende Panik am absoluten Grund des Gehirns.
Man steckt in sich drin, in einem warmen, heißen, schwappenden, knacksenden Körper; zusammengedrücktes organisches Chaos wie eine unübersichtliche Großstadt während der allmitternächtlichen Rush-Hour. Der Mund gibt ellenlange Zischlaute von sich, die die Welt bedeuten, eine flache, taumelnde Welt, der ich mich entziehen kann, wenn ich die Augen schließe und die unendlich feinen, repetitiven, organischen Muster sehe, ein feines violettes Seidentuch an einer glatten, nach links hinten verlaufenden, unendlich langen Wand gespannt und von einem hellen weichen Licht von links und rechts bestrahlt, wie eine langsame HD-Visualisation eines Liedes. Der ganze Raum ist davon eingenommen, wenn man die Augen geschlossen hat - das eigenartige Gefühl zum Wesentlichen vorgestoßen zu sein...
Total verloren in einer traumartigen, gegenstandslosen Besessenheit, düstere, hypnotische Euphorie am äußersten Rand des Lebens, als habe man die ultimative Rückseite des Lebens entdeckt, den Keller des Bewusstseins, in den man gelangen kann, wenn man eben diese Droge nimmt. Der wahrgewordene Alptraum vom endgültigen Zusammenbruch. Es ist passiert.
Total schmierige, schleimige Hände, sie kneten sich. Ein intensiver, weicher Druck pulsiert durch das Gehirn; es macht Spaß regungslos in der Unendlichkeit des Augenblicks zu hocken und sich dem inneren Treiben hinzugeben.
Nichts zählt. Es gibt nichts zu tun im Leben.
Komische Geräusche mit dem Mund machen und Schwitzen, warum mehr von einer Existenz verlangen, die derart unbegründet ist? (Fußnote 3)
Das alte Ego kommt hinten vorbei und macht mir bewusst, dass Lisa hier ist. Sie lacht über manches was ich mache/sage. Ich weiß nicht, ob sie mich wirklich versteht, denn sie hat nur Bier getrunken. Ich kann nichts Sinnvolles sagen, ich kann dem euphorischen Chaos, das mein Kopf in den schwerfälligen Körper strahlt, keine Bewegung entgegensetzen, die mich nach oben bringen könnten.
(2)
Mein Körper ist das Zentrum meines Universums und steckt zur Hälfte in meinem Unterbewusstsein fest. Mein Gehirn ist unerschütterlich wach, nimmermüde und freundlich weich wie eine Hand, die mir gereicht wird. Es schüttet Panik und Glückseligkeit aus, aber es gibt kein Ego, das ihm erklärt, was davon gerechtfertigt ist. Ich erinnere mich entfernt daran, dass ich entspannen kann, weil ich ja bloß bei Lisa bin und nicht in der Schule unter den Augen der Anderen. Ich muss niemandem etwas erklären, ich muss keine Entscheidung treffen. Trotzdem fühle ich mich ausgeliefert diesem grundlegenden Grauen, das meine Existenz bedeutet. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass ich etwas tun und lassen muss, dass ich genau in diesem Körper mit genau dieser Wahrnehmung stecke. Es gibt keine Zukunft, die meine Phantasie dem leeren Moment entgegensetzen könnte. Ich bin ein schmieriges Monster, sitze wie in einer Grapefruit ganz oben auf der Bergstraße des Dorfes, in dem ich geboren wurde.
Ich vermute, dass mein Gehirn in den Zustand katapultiert wurde, in dem es sich befand, als ich mir zum allerersten Mal bewusst wurde, dass ich existiere, an irgendeinem dunklen gemütlichen Fleck des Universums, ganz unten, allein, schutzlos und ohne Aufgabe.
(Fußnote 3)
Mit seinem Leben nichts mehr anfangen als das hier, und das für alle Zeiten, funktioniert nur, wenn das Ego nicht mehr aus den Augen schauen darf. Das Universum sieht anders aus, wenn das Ego nicht mehr im Sattel sitzt. Eine Möglichkeit ist, es mit bestimmten Drogen aus dem Sattel zu taumeln; sie simulieren den Wahnsinn, den das Gehirn loslassen würde, wenn es begreifen würde, dass du nichts zu tun hast. (Fußnote 4)
Plötzlich kannst du nicht ertragen, dass du gezwungen bist, etwas zu sein und zu tun und zu denken. Das Gehirn ist gewohnt, sich mit Dingen zu beschäftigen, die außerhalb des Körpers geschehen, es ist nicht darauf trainiert, sich derart mich sich selbst zu befassen.
(Fußnote 4)
Als gäbe es eine höhere Instanz, die dich in den Sattel gesteckt hat. Als würde man plötzlich begreifen, dass man nur in einer Art Simulation steckt. Vielleicht stehen gleich Bürokraten oder Elterntiere oder Lehrer neben mir, um mich zu fragen, wie ich mich unerlaubt an den Apparat wagen konnte. Oder ich erinnere mich gleich daran, dass ich nur ein träumender Behinderter oder Mörder oder Geisteskranker bin, irgendein kleiner, dummer Schwächling.
Vielleicht stehe ich kurz vor meinem Ende, aber das macht nichts. Ob ich jetzt oder später sterbe, macht absolut keinen Unterschied. Diese Erkenntnis erzeugt ein höllisches Schuldgefühl.
(5)
Scheinbar können die Leute mit dieser Droge die Tür aufmachen zu einer anderen, viel realistischeren, brutal realistischen Ebene. Vielleicht eine Tür zur einzig möglichen Religion. Hat Lisa die Videos gelöscht, die zeigen wie mein Intellekt unter DXM einen epileptischen Anfall erleidet? Sowas gruseliges hab ich noch nie geäußert. Induzierter Wahn. Mein Gehirn birgt gigantische Gefahren für mein Leben - und Chancen, so ermahnt mich immer wieder das Bild von William S. Burroughs an der Wand.
Ich höre ein warmes, sanftes Lied einen Sommerregen beschreiben, während ich an der einzig relevanten und unbeantwortbaren Frage schlucke: wie stehe ich zu dem, was mir gegeben ist und wo will ich damit noch hin? Die ereignislosen Tage und Wochen und Monate lassen meine Blicke nach Innen schweifen. Wer oder was kann sie nach außen lenken?
(6)
Nach dem gestrigen DXM-Desaster bin ich sehr wirr und instabil. Ich kann kaum Sätze formulieren. Totale Vernebelung. Ich habe eine stabile Distanz zu allem, ich spüre, dass ich in der Welt bin, ich stehe im Universum, ich glotze für eine kurze, vielleicht unbedeutende Zeitspanne in die Existenz rein. Ich bin ein beseelter Gegenstand. Nein - ich bin ein fester Gegenstand, in dem unendlich viele immaterielle Gegenstände (neuronale Zustände) um Geltung ringen. Die Distanz lässt mich mehr Möglichkeiten sehen. Ich befinde mich zwischen allen Menschen, zwischen allen Ereignissen. Ich verstehe, was andere Leute antreibt. Ich möchte mit keinem von ihnen tauschen. Ich verstehe, warum manche Mystiker sich "unten" auf der Erde fühlen. Oder hängt mein Bewusstsein schief? Mein Weltbild könnte in ein Weltgefühl zerfallen...
(7)
Wieviel von meinem Gehirn hat Google schon erfasst? Mancher kann sich nur noch an Google wenden. Mein Telefon ist mit dem Internet verbunden, liegt ein paar Zentimeter unter dieser Zeile und spielt ein Video von Amon Tobin ab.
(8)
Mit allem was ich schreibe, vertiefe ich nur die Tatsache, dass es für mich nichts Existentielleres gibt als Atmen, Essen, Schlafen und Schreiben. Ich frage mich, ob meine Eltern einen anderen Begriff für "existentiell" haben und im Alltag benutzen... jetzt wo ich weiß, dass hinter dem Alltag das Grauen der individuellen Existenz alles unterhöhlt - diese Unterhöhlung ist Grundlage des Alterungsprozesses.
Der Gedanke, dass die Summe all meiner erlittenen Qualen kleiner ist als das Leid bestimmter Menschen an einem einzigen Tag, will mich trösten, kann mich trösten, aber lässt mich doch nie richtig aufatmen.
Es stimmt, dass das Gefährliche an Drogen ist, dass man nie wissen kann, wie sie die unbewusste Seite beeinflussen. Aber manche Drogenkonsumenten nehmen diese Gefahr in Kauf, weil sie wissen, dass die Alternative dazu bloß ein Abstumpfen und Erkalten wäre. Ein erfolgreiches, bedeutungsvolles Leben mindert die Substanz ähnlich wie gewisse Drogen. Alles mindert. Die Frage ist, was und wieviel du wie lange mitbekommen willst.
Ich rette einen Käfer, der in meinem Trinkglas ums Überleben kämpft. Meine Ehrfurcht vor dem Leben anderer Wesen ist in den letzten Monaten größer geworden. Ich bin eigentlich auch nur ein Käfer auf der Suche nach Fressen, Schlaf und einer die Leere auspolsternden Erkenntnis.
Ich muss unbedingt genau herausfinden, ob es um mich schade wäre, würde ich plötzlich und für immer verschwinden. Wie sehen mich die Anderen? Wie bekomme ich Leute dazu, etwas in mich zu investieren?
(9)
Wenn ich in der Woche mehr als einmal DXM nehme, rutsche ich immer in eine heftige Depression, totale Erschöpfung, kalter Nihilismus, der tausend Kehlen zuschnüren will. Vielleicht kann Cannabis dem etwas Frühlingsfrische entgegenstemmen. Der Einkauf im Edeka ist dann auch wieder sehr lustig, bunt, weich, entspannt. Lebensglück, gesteigerte Aufregung, alles reizt zu schönen, kühnen Gedanken, ich finde mein Gesicht im Spiegel sehr schön, freundlich, gesund.