Das 1-4-Butandiol (Gesellschafts-Kritik)

Das 1,4-Butandiol

- "Der Gedanke, dass mir seit 20 Jahren die Prägung des geliebten Großvaters fehlt. Was hätte aus mir werden können, wäre er nicht gestorben? Mit meiner Trauer um ihn ging meine Kindheit zu Ende. Mit jedem Tag, an dem ich nicht mehr über seinen Tod weinen konnte, habe ich meine Kindheit immer tiefer ins Reich des Irrealen gerückt." - Ich lese diesen Abschnitt, während ich einen 3/4 Teelöffel Butandiol im Magen habe, höre ein kleines, melancholisches Lied und fange an zu heulen wie ich seit damals nicht mehr geheult habe. Ich sehe dem Tod meiner Eltern entgegen, meiner sorgenden, traurigen, von Arbeit und Armut geschlagenen Eltern, ich denke an ihre Tränen, an ihr Zittern, ich fühle mich geliebt, ich spüre, dass ich mein Leben die letzten Jahre heruntergewirtschaftet habe, ich spüre, dass das Leben etwas Ernstes ist, etwas Begrenztes, etwas das man nicht verstehen muss, solang man zu heftigen Gefühlen fähig ist, die man ebenfalls nicht verstehen muss, solang man warme, sanfte, stabile Freunde hat. Ich weine über alles, was ich nicht anzweifeln kann, ich wünsche mir, jeden Tag eine Stunde zu heulen; zu wissen, dass sich dieser Wunsch niemals erfüllen wird, macht ihn so unerträglich verbissen.

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- Die Wirkung hält gut zwei-drei Stunden an und blendet sich langsam aus. Bis auf ein leichtes, nicht lang anhaltendes Flauheitsgefühl und ein paar Zuckungen im Auge habe ich keine negativen Nachwirkungen gespürt.

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