März — Das LSA (Einstieg)

März — Das LSA

Surrealismus ist Perversion. Perversion ist Surrealismus. Du musst einfach drauf stehen oder musst es halt eklig finden. Nimm dieses komische Obst an, das hier in deinem Bewusstsein hängt, ernähre dich davon, zermatsch es, wühl und fühl dich darin. Als du gerade "fühl" geschrieben hast, hast du richtig gezögert, ein kleiner süßer Riss in der Fassade, ich weiß, du willst nicht tiefer, weil du dann nicht schreiben kannst... aber hey! Ich lasse dich frei! Nimm die Musik, nimm das Schmelzen, nimm den Druck, nimm das pochende Herz an! Hier, ich halte es dir hin wie man einem Elefanten einen Apfel hinhält, hier nimm schon! Entschmolle meinen Mund, entrunzle meine Stirn, enttrübe meinen Blick! Aber nein, du registrierst es nur, wie ein FDP-Politiker an seinem Geburtstag erträgt, dass sich ein Kabarettist im Fernsehen über ihn lustig macht. Ich versuch es kurz mit den Einstürzenden Neubauten, seit ich vor einem halben Jahr Cannabis kennengelernt habe, hab ich den Bezug zu ihnen verloren. Kann es sein, dass ihr einfach nur zuviel Speed genommen habt und irgendwie die Personifizierung der Droge seid? Nicht weniger, aber eben leider auch nicht mehr. Und erspart uns die poetischen Kater-Stimmungen. Hätte Blixa Bargeld einen guten Therapeuten gehabt, wären uns seine faden Ergüsse seit 1996 erspart geblieben. Niemand soll sich für sein Altern entschuldigen, aber eben auch nicht bewundert werden. Eingebildete Kunstfotze! Du kannst noch so arrogant und ignorant und verkatert und bemüht seriös oder bemüht selbstironisch antworten. Du hast nicht mehr gemacht als deinen Drogenkonsum illustriert. Du spießiger Nerd: "Wir müssen etwas Kreatives machen!" Ich will mich einfach nur übergeben. Glaubst du, dass mein Ego vom Mond aus betrachtet genau so viel wiegt wie deines? Du bist nur einer der vielen Schlaumeier, die vor mir dran waren. Ich kann mich nur noch mit solchen Runzeleien wie diesen über Wasser halten, um nicht genau so abzusaufen wie all die anderen tapferen Verlierer um mich herum, die das gleiche Herz und die selbe Bestimmung auf die Stirn tätowiert bekommen haben und sich wenigstens damit abfinden. Ich liebe dieses Reich, diesen zähen, ambivalenten Untergrund, ich liebe die Leute, die genau so fürchterlich unter die Räder gekommen sind, die man "Gesellschaft" nennt, so wie Betrunkene jemanden, der ihnen ein Bier ausgibt, als "besten Freund" bezeichnen. Ich hasse solche besoffenen, sentimentalen Verlierer. Zumindest hab ich Lust, diesen Satz zu schreiben. Ich liebe Leute, die bessere Verlierer sind als ich.

Das nächste Mal werde ich die Dosis verdoppeln, mal sehen was dann passiert. Drei Stunden nach Einnahme hat der Rausch ein stabiles, gleichbleibendes Niveau gefunden. Mit Pink Floyd erreicht es ein fast glasklares Cannabis-Stoned, etwas distanziert noch von der Musik, die weich abgepolstert um die Ecke stattfindet.

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Lassen wir mal die Residents rein. Sie schauen sich in mir um, als würden sie gleich zur Renovierung ausholen. Gierige, kleine Insekten, die Tippfehler scheißen, die ich aus irgendeinem guten Grund wegwische. Greift ruhig beherzt in die Tätigkeit meines Zentralnervensystems ein, deshalb hab ich ja die Türe aufgemacht und was alle ist, ist alle... hahah, nicht wahr, ihr kleinen Racker?

Das eigentliche Rätsel sind ja nie die Drogen, sondern immer nur der Körper und der Geist, in die diese Substanzen geworfen werden.