März - Das LSA
Heute habe ich im Baumarkt 120 LSA-haltige Samen Himmelblaue Prunkweide (Morning Glory, Ipomoea Tricolor) geklaut, auf dem Steinboden im Bad zerhämmert und in einer Wasserflasche eingeweicht. Im Internet wird diese Menge als "medium" angegeben. Das Wasser hat nach einer halben Stunde eine ganz leichte, grüne Trübung bekommen, ich trinke alles auf einmal, schmeckt bitternussig, ich kaue auch den Matsch der sich am Boden angesammelt hat und rechne innerhalb der nächsten Stunde mit Übelkeit. Ich fange nach ein paar Minuten ein bisschen an zu frieren und flau ist mir im Magen. Zwanzig Minuten später ein kotziges Gefühl, dickflüssiger Speichel im Mund, ich darf nicht daran denken, wie ich mich wild im Kreis drehe, die Jazzmusik ist bisschen nervig gerade. Würde meine Kotze auch den Wirkstoff hinausbefördern? Die Übelkeit muss - wie bei Peyote auch - in das Ritual mit eingebunden werden, sag ich mir immer blasser und leichter werdend.
Wenn man die Samen gemeinsam mit anderen Leuten nimmt, sollte jeder in dieser Phase allein bleiben und sich ganz konzentrieren auf das elende Körpergefühl. Es ist eine Art umgedrehter Kater: bei Alkohol kommt das Übel danach, bei natürlichen Psychedelika davor. Ich kann mir keine Musik vorstellen die jetzt gut passen würde. Auf jeden Fall ist Jazz besser als gar keine Musik. Der dicke, verheißungsvolle Speichel wird immer mehr, ich geh mal ins Bad... Dreimal richtig gekotzt, ziemlich genau eine halbe Stunde nach Einnahme, weil ich vorher aber nix gegessen habe, kam nur geruchs- und geschmacksneutrales Wasser raus und jetzt geht es mir auch gleich viel besser. Das Kotzen sollte zum guten Ton gehören, man darf sich vor den Anderen nicht schämen, so wie man sich auch vor sich selbst nicht schämen darf. Die Übelkeit verschwindet langsam und ich fühle mich stabiler und sensibler und frischer als vorher. Ich finde es okay, dass die Samen sich Platz machen und Dinge rausschmeißen, die sie nicht auf ihrer Party beziehungsweise bei der Arbeit wollen. Mein Mageninhalt kommt ja aus einer ganz anderen Welt als sie - und hat auch ganz andere Ziele. Ich glaube ich rieche nach Schwefel. Irgendjemand hat unter meinen Klamotten Silvester gefeiert. Ich geh mich mal waschen. Vielleicht sollte man den ersten Versuch nicht so streng bewachen wie ich es jetzt tue. Was man beschreibt, verändert man ja auch.
Eine Stunde nach Einnahme. Ein sanftes, warmes, leicht euphorisches Körpergefühl, ich schließe meinen Frieden mit allem was in und um mir herum ist. Ich fühle mich fest umschlossen von mir, eine erwachsene, weise Trägheit, ich fühle mich von einem freundlichen Gift an die Dringlichkeit meines Körpers erinnert, nicht jedes Alkaloid hat schwarze Zähne und gespenstische Fangarme: Substanzen, ohne Gesicht und Absichten, wie Regen der fällt oder nicht. Die Musik rückt immer weiter von mir weg, mir ist als würde ich langsam in mein Gehirn schmelzen, ich kann mir keine Autoritätsperson vorstellen, die mir jetzt ein schlechtes Gewissen machen könnte. Wenn Worte richtig scharf benutzt werden, ist die Grammatik egal. Es zählt die Schärfe! Alles ist so einfach, wenn man sich von seinem Ego nur ein bisschen löst. Halte dein Ego wie ein geselliges Gespenst, aber lass dir nicht das Leben diktieren von ihm. Wie ein bunter blinkender Jahrmarkt wollen die Möglichkeiten von der Leine gelassen werden und sich auf dem Platz herumtümmeln und mitgenommen werden oder eben nicht. Je näher ich meinem Traumbewusstsein komme, desto mehr muss ich mit meiner Grammatik kämpfen, die mir aus gutem und schlechtem Grund im Weg steht. Meine Finger wollen sich ausstrecken, lieber in den Tasten wühlen als sie so verkrampft zu drücken wie Bürger verkrampft gedrückt werden von einem kaltherzigen, pflichtbewussten Sachbearbeiter.