Die Matsche

Seit einer Woche kein Marihuana geraucht. Ich fühle mich sehr ausgeglichen, ruhig und ernst. Ich gehe mit ein paar Leuten, die ich aus meiner Studentenzeit kenne, auf zwei, drei Bier in eine süßlich sterile Jazz-Kneipe in die Innenstadt. Die Langeweile, die ich empfinde, macht es mir unmöglich, normal an den Gesprächen teilzunehmen, ständig muss ich dazwischensticheln. Trotzdem verabschieden wir uns mit einer weichen Umarmung. Es sind gute Leute, die von der Stadt noch nicht so angeödet sind wie ich. Daheim höre ich Ornette Colemans "Chappaqua Suite", zu der man keinen Sekt verkaufen und nicht über das Studium reden kann. Ich mach mir noch einen Grünen Tee und leg mich auf den Boden und fühle mich blendend.

Die Ruhe meint es ernst, ihre Leichtigkeit ist kühl, und es gibt Grenzen und Grenzen sind - zum übertreten da.

Robert, der Mathematiker kommt mit ein bisschen Gras vorbei (selbstangebautes aus Erfurt). Er ist einer der Wenigen, der eine Gras-Connection hat. Alle Menschen sind meine Freunde, die mir gern gutes Gras verkaufen. Robert kifft nur gelegentlich, als Belohnung für geleistete Arbeit. Ich kiffe gern regelmäßig, um ein paar Schritte von dieser tristen Stadt zurückzutreten. Gras hebt wie Alkohol und Koffein eine Grenze auf, an die mich die Schule, die Eltern, selbst Freunde und die Musik gewöhnt haben. Es ist die Grenze zwischen "Damit kann ich mich identifizieren" und "Damit kann ich mich nicht identifizieren".

Robert möchte mir ein paar Lieder auf Youtube zeigen. Ich bin so entsetzt, dass ich ihn rausschmeißen muss. Ich kann nicht verstehen, wie man Gangsta Hip Hop oder Speed Metal oder Plastic Trash hören kann, wenn man bekifft ist. Ich würde gern den typischen Wochenend-Kiffer zwingen, sich reichhaltigen, nährstoffreichen, tropisch-üppigen Jazz anzuhören. Vielleicht muss jemand dem Jazz mal etwas Siff und Punk und die Rotze geben, um ihn aus der Hipster-Intellektuellen-Ecke herauszubekommen. Ich versteige mich gleich in der These, dass man den Zustand eines Landes daran ablesen kann, wie es in ihm um den Jazz bestellt ist. Daniel klingelt und fragt, ob wir ein bisschen herumziehen wollen. Ich hätte nein sagen sollen und in meiner Wohnung herumhängen sollen. Ich fühle mich wohl hier. Eine unsanierte Altbauwohnung, zwei Zimmer für 170 Euro. Bald werden wir hier rausgeschmissen. Der Gedanke, die Firma in die Luft zu sprengen, die mit dem Gebäude und dem Boden Profit machen will, verstärkt wie das Gras die Wirkung der Musik. "Ein zwei Bier können nicht schaden!", irre ich mich. Daniel sieht so gut in den weißen Hosen und dem schwarzen Hemd aus.

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Am nächsten Nachmittag stehe ich vermatscht und verdreckt auf und schleiche zum Supermarkt ohne Namen. Schmalzige Weihnachtsklassiker im Radio, die aggressive Freundlichkeit der Supermarkt-Werbesprecherin demütigt mich. Ein tolles Gefühl, so abgespalten zu sein vom Hauptstrom der Stadt, leicht verkatert vom Bier und dem ekelhaften Kickerkeller, in den es uns gestern auf der Suche nach einem Schlaftrunk verschlagen hatte. Kleine, haarige Mittdreißiger, die mit noch kleineren, überschminkten Mittzwanzigern verkrampft locker zu den Liedern ihrer Jugend tanzen, dermaßen ironisch, dass ich ihnen allen den Arsch versohlen würde. Geplättet von Überdruss verging mir die Lust auf Alkohol, die kurze Zeit in dem Club hat mich total verstrahlt. Vielleicht fühlt es sich deshalb so an, als würde ich mit jeder Bewegung einen Bogen um die Realität der Supermarktkunden machen: mein Atem, mein Herzschlag, mein unförmiges Innenleben scheint mich fest in einer zweifelhaften Individualität zu verschnüren. Die Kassiererin, die sonst immer genervt wirkt, ist heute sehr freundlich zu mir. Es gibt wirklich keinen Anflug von Paranoia in der Luft. Einen solchen Satz kann nur jemand sagen, der auf sie wartet, so wie ein freches Kind auf die Ohrfeige des Vaters. - Ich genieße es, aufgeweicht von Schläfrigkeit und einem zarten, süßen, trägen, matt strahlenden Kater durch die dunklen Straßen zu laufen. Ich fühle mich überlegen - und traurig, dass ich den Zustand nicht mit Anderen teilen kann und wir daraus etwas machen können. Rausch kann ein Leben nur kaputt machen, wenn man ihn ungenutzt lässt. - Zuhause angekommen, fühle ich mich total fremd in meiner Haut und Wohnung. Nach einem zwölfstündigen Schlaf wache ich butterweich und verklebt in meiner kalten, dunklen Wohnung auf und alles ist wieder gut.

Ich lese im Abschiedsbrief des Amokläufers von Emsdetten. Ich verstehe seinen Frust, kann mich aber nicht mit ihm identifizieren. Er wusste absolut nichts mit sich anzufangen, er hätte Punk oder Junkie oder Künstler werden können! Es ist völlig unbedeutend, was ihn dazu gebracht hat, Amok zu laufen. Jetzt ist er nur ein weiterer Verlierer, für den dieses System keinen Platz gehabt hat. Er hätte sich stärker mit sich befassen sollen, er hätte sich lieben und bilden sollen. Er gab immer nur den Anderen die Schuld, ohne sich selbst in Frage zu stellen: die typische Arroganz von Pubertierenden, die mit Anarchismus und Waffengewalt kokettieren. Er hatte weder Stil noch Geschmack, er war ein gewöhnlicher frustrierter Loser, bloß ein bisschen mutiger als wir alle, die ebenfalls unter dem Schul- und Wirtschaftssystem leiden. Ich begrüße immer solche Ausbrüche, ich kann nicht glauben, dass sie sich so selten ereignen. Ich finde immer schade, dass man die Amokläufer als Psychopathen abstempelt und immer nur ein Herz für die Opfer hat; so wird man dieser Tat nicht gerecht, so degradiert man sie zu einer banalen, durch nichts zu entschuldigenden, abstrakten Kriminalität. Solang man den Amoklauf nicht als vitalen, kühnen, übermütigen Anschlag auf das gesamtgesellschaftliche System sieht, als Kunstwerk, solang also die spießbürgerliche, konservative Mehrheit nur das an einem Amoklauf sehen will,

was sie versteht, solang zumindest werden Schüler Tag für Tag in Angst leben müssen, dass sich unterdrücktes, angestautes, pervertiertes Leben entlädt. Ich vermute, dass Marihuana einigen Amokläufern geholfen hätte, einen neue Perspektive auf das Leben zu finden, so wie auch bestimmte Musik, bestimmte Bücher und Filme und selbst nur Interviews mit bestimmten Menschen dazu beigetragen hätten. Was für ein Unglück, dass das Internet damals noch nicht so reichhaltig war - ja, das ist die wahre Tragödie! Niemand hat ihn mit den vielen, bunten, heilsamen Früchten vertraut gemacht, die im Wald wachsen. Man gab ihm immer nur das zu fressen, was alle anderen Kinder auch bekommen haben.

Es gibt heute keine direkte Zensur, alles, was ich toll und wichtig und lebenswert finde, ist frei zugänglich - vom Gras einmal abgesehen. Es gibt aber eine indirekte Zensur: die Ignoranz der Medien. Es ist nicht verboten, im Radio Free Jazz zu spielen, aber die allermeisten Menschen sind es nicht gewohnt, weil man sie an andere Musik gewöhnt hat, also läuft im Radio nur das, was jeder kennt, was keinen stört, weil es jeder versteht und das reibungslose Abspulen des Alltags nicht stört. So ist es mit Büchern, Filmen und so weiter. Der eintönige Mainstream sorgt dafür, dass die Menschen eintönig bleiben, vielleicht sind ihre Träume, ihre Gewaltphantasien, ihre Drogenvisionen noch interessant, aber meist ist auch da nicht mehr viel zu holen. Die Menschen liegen abgestumpft im Sessel, lassen sich von raffgierigen Herzkrüppeln Ideale ins Gehirn peitschen und arbeiten hart und stolz daran, ihnen so weit wie möglich zu entsprechen. Bestimmte Drogen können helfen, Normen, die das System vorgibt, zu überschreiten. Bestimmte Drogen können helfen, zu einem neuen Selbstverständnis zu kommen, eines, das ganz anders aufgebaut ist, eine ganz andere Sprache spricht, eine ganz andere Bestimmung hat als all die menschlichen Konstrukte, die ich heute im Supermarkt großräumig umschifft habe - auch wenn ich viele sogar fast angerempelt hätte, blieb ich ihnen doch fern, ich wäre ihnen selbst wenn ich sie verprügelt hätte, nicht näher gekommen. Cannabis weicht etablierte, festgebackene Konstrukte (Worte, Ideale, Gewohnheiten, Institutionen), mit denen wir auf Kurs gehalten werden, auf. Das ist eine Chance für das Individuum und eine Gefahr für das Kollektiv.