(im September 2014).
Ein kalter Nachmittag, ich stehe auf meinem Balkon, rauche eine Purpfeife und freue mich über das Gewitter, das sich über der Stadt zusammenzieht. Im Küchenradio läuft Nancy Sinatra im Kreis und ich spüre wie mein Körper ganz sachte, aber bestimmt an die Innenseite meiner Haut schwappt. Ich habe mich lang nicht mehr so unbeobachtet gefühlt. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich richtig aufatmen.
Der Raum schwankt sacht, meine Beine kontrollieren das Schwanken, die Musik ist ungewöhnlich aufregend und ich schleppe meine Matratze aus meinem Schlaf- zimmer in die Küche, lege mich vor die Boxen und höre stundenlang Musik, es fühlt sich alles wie ein Traum an, ein bisschen blöd komm ich mir vor, dass ich nichts mitzuteilen habe. Ich gehe an den Rechner und schreib auf Facebook einen Beitrag, den ich am nächsten Tag wieder lösche:
"was hab ich zu senden? ein kratzen am rücken? das gefühl zu liegen und zu träumen, dass man steht auf einem schwankenden schiff. man kann das schwanken kontrollieren mit den füßen oder den augen. man hält sich mit den augen wie an einem seil an einem fixpunkt fest und schon schaukelt es. ich hacke die tastatur wie fleisch. mit oder ohne knochen, hier in meinem schneckenhaus. meine vorstellung bald eingeschlafen zu sein, reichert das universum mit einem taumel an, dem sich nur meine worte gewachsen fühlen - zu unrecht, während ich auf diesem harten stuhl oder weichen sessel sitze und warte bis die tür aufgeht und ein freund mich mitnimmt."
Marihuana lässt, so schreibe ich mir hinter die Ohren, das Chaos der Gedanken und Gefühle bewusster, genauer erleben. Man beschäftigt sich mit Gedanken, die sonst nur halbtransparent vorbeiflattern und die gewöhnlichen Gedanken sind faszinierender als üblich, es ist als würde man sie zum ersten Mal decken. Vielleicht ist es nur die Unfähigkeit, Wichtiges von Unrichtigem zu unterscheiden, was mich staunen lässt. Vielleicht hab ich mir die Illusion weggemacht, dass es Unwichtiges gibt.
Das gleiche Körpergefühl wie im Traum, die gleiche Wildheit der Gedanken. Nicht ich suche mir die Gedanken und Worte aus, nein, sie alle fliegen mir zu. Auf all der Schönheit des freien Denkens liegt der Schatten eines Ichs. Wo ist das unbestreitbare Zentrum in mir? Ich nehme noch einen Zug. - Es fühlt sich an, als würde ich liegen und mir nur vorstellen, auf die Tatstatur zu tippen. Mit leichten Kopfzuckungen kann ich die unsichtbaren Wellen, die die Musik um mich schlägt, kontrollieren, ich benutze sie wie Peitschen und biete Leuten, die nicht anwesend sind, eine Sensationsschau.
Ich spüre, wie mein Ein- und Ausatmen meinen ganzen Oberkörper in Bewegung hält. Atmend schüttel ich meinen Körper in Zeitlupe durch. Es ist ein Tanz mit mir selbst, genau so wie man für sich selbst träumt. Ich glaube, ich bin jetzt nicht in der Lage, mich über irgendetwas zu ärgern, ich bin sehr angeregt und entspannt zugleich, es fällt mir leicht, Dinge zu durchdenken und immer weiter zu denken. Vielleicht werde ich mir morgen vorkommen, als hätte ich einen berauschenden Hollywood-Blockbuster im Kino sehen, vielleicht werde ich glauben, dass der Rausch nichts mit mir zu tun hatte. Angewidert wie eine Frau nach einer schlechten Anmache ekel ich mich vor meinem Selbstbewusstsein, mit dem ich die Leitern meiner Worte erklimme, weil ich als Kind nie ein Baumhaus hatte. - Plötzlich vermisse ich meine Abscheu vor der Welt, meine Kälte im Blick und in der Geste, das sterile Verstreichen der Zeit.
Genau so, wie ich nicht mit einem Gefühl von Stolz aus dem neuen Helge- Schneider-Film gegangen bin, so wenig bin ich jetzt stolz auf meine Rauscherlebnisse. Irgendetwas in mir gibt mir das Gefühl, ich hätte kein Recht, berauscht zu sein - bevor ich nicht genau weiß, was es ist und ob ich drauf hören soll, halte ich es auf Abstand.
Ich mag die bunten, luziden Träume, die ich habe, wenn ich ein paar Stunden vor dem Einschlafen etwas geraucht habe. Ich schlafe länger und manchmal fällt es mir schwer zu unterscheiden, was ich geträumt habe und was ich außerhalb des Traumes erlebt habe. Ich habe kein Interesse, eine klare Grenze zu ziehen. Ich würde gern früher oder später beide Realitäten zusammenbringen wie Knoblauchsoße und Kartoffelpuffer.
Ein Hirn, das auf Dauer mit Cannabis gespült wird, infantilisiert - und das wünscht sich auch jeder bessere Kiffer. Die Kanäle werden geöffnet, der Körper kommt wieder zu seinem Recht, die Gedanken brausen frei. So kann ich gern in Kauf nehmen, irgendwann ein paar IQ-Punkte zu verlieren. IQ misst ja nur, wie schnell man Muster erkennen kann. Kiffen entschleunigt, entspannt und macht verspielter. Bekifft durch die Stadt trödelnd, schäme ich mich, bisher alles mit scharfem, kaltem, rastlosem, unbarmherzigem Blick zerpflügt zu haben.. Ein IQ ist eine Erfindung des Staates, um uns nach Kategorien des Marktes zu markieren und auszunutzen. Als Kind hat man anfangs damit zu kämpfen, Realität und Einbildung zu unterscheiden. Kiffen sensibilisiert auf Dauer das Gehirn derart, dass die Grenze zwischen Phantasie und Realität durchlässig wird. Das ist der Preis, die Chance die in einer so hohen Schärfung der Kanäle liegt. Kiffend schottet man sich in einer synthetischen Kindheit ab, die immer realer werden kann, wenn es die Umstände erlauben. Einem so schön subjektiven, immer sterblichen Gehirn wie dem meinigen ist es total egal, ob Lust aus dem realen und irrealen Raum bezogen wird. Beide Räume prägen nur eine Seite der Medaillie der Existenz: beide Räume sind Wartezimmer einer unbekannten, unendlichen Praxis.
Wenn ein Dauerkiffer sich von seinem sozialen Umfeld zurück zieht, dann ist das kein Ausdruck einer drogeninduzierten Demenz, Psychose oder Soziopathie. Das Gras hat ihm geholfen, Dinge klarer zu sehen und er hat erkannt, dass er bestimmte Leute einfach nicht mag oder nötig hat und dass man sich so viel ersparen kann. Marihuana versöhnt den Menschen mit seiner Einsamkeit. Von außen, aus Sicht besorgter Eltern und Freunde sieht es aus, als würde er abstumpfen, als würde ihm alles egal werden, als wäre er besessen von der Droge. Dabei erlebt er nur eine wichtige Krise, er häutet sich, er zieht um. In einem sozialen Umfeld, in dem ein Kiffer glücklich ist, weil er eine für ihn und Andere sinnvolle Funktion hat, mit der er sich identifizieren kann, in einem Umfeld das von echter Freundschaft, Liebe, Herzlichkeit, Abenteuer bestimmt ist, wird er sich - glaub ich, hoff ich - niemals distanzieren.
THC ist, im Gegensatz zum Alkohol und Tabak, kein Nervengift. Es muss eine Ganja-Lobby, eine Cannabis-Connection geben, die die Pflanze davor bewahrt, vereinnahmt zu werden von Ärzten, die Gesundheit definieren als die Fähigkeit, in unserem Gesellschaftssystem zu funktionieren. Ich ahne eine dunkle Zukunft, in der Marihuana genau so angepasst, umgewertet, ausgeschlachtet wird wie der Surrealismus. Vielleicht wird die Regierung erst das Hanf legalisieren, wenn es Pläne gibt, wie man seine Konsumenten gut in die Verhältnisse einpassen kann. Das wäre das Ende einer anständigen Kiffer-Kultur.