Blume 1

Die Gewürznelke in meiner Zahnlücke markiert eine Wende: die Wochen, vielleicht Monate der Dunkelheit und des Schmerzes sind vorbei: ich kann wieder schlafen. Die Blumen meines Nachbarn Miles sind so vielseitig; es scheint, als gäbe es für jedes Problem eine botanische Lösung... Ich verbringe die ersten Tage meiner Genesung im Bett, schlafend, leicht dämmernd, Kräuter kauend, verdampf- end, verbrennend, dann, vielleicht schon in der zweiten Nacht, Briefe schreibend an meine verlorengeglaubten Freunde, meine Hoffnung ausdrückend, sie bald wieder- zugewinnen. Wenn man von mittelstarken, aber unaufhörlichen Zahnschmerzen gepeinigt wird, zumal ohne dass es eine medizinische Erklärung gibt, rückt man langsam in den hellen Wahnsinn. Nun aber, schlafend, nichtstuend meine Nerven wieder- herstellend, die Nelken von Miles und sein Ibuprofen und sein Marihuana (das legale, nicht berauschende [mit CBD und ohne THC]) liebkosend, schräg hängend auf dem Hochbett in der namenlosen WG in einer namenlosen Großstadt in Ostdeutschland, wo Schlaflosigkeit, Rückenprobleme und Langeweile eine toxische Koexistenz mit Paranoia und Narzissmus führen, wo eine gespenstische Bereitschaft herrscht, eine autoritäre, menschenfeindliche, in großen Teilen faschistische Partei zu wählen, Kinder zu verdreschen und junge, empfindliche, neugierige, freundliche Lebewesen in Käfige zu sperren, zu quälen, zu ermorden, aufzuschneiden, zu verpacken, zu braten, zu fressen und ein Drittel nochmal wegzuschmeißen. Die Öffentlichkeit ist da, um in ihr zu streiten! Dichter und Journalisten haben die Aufgabe, die Menschen zum Sprechen zu bringen. Ich sitze in unbequemer Haltung zwischen den Stühlen der Begriffe, ich möchte mir so wenig wie möglich zu- schreiben. Ich habe eine Haltung, weil ich klare Werte habe und ablehne. In Ausnahmefällen darf man von seinen Prinzipien abweichen; soll sich jeder doch vor sich selbst rechtfertigen für seine Tugenden und den Vorzügen ihres Gegenteils. In diesem Buch konzentriere ich mich auf den schönen Garten, den ich 2014 im Hinterhof entdeckt habe. Ich schaue an einem grauen Sonntagmorgen von meinem Balkon in den wild zugewachsenen Garten, der nach hinten hin immer dichter und unzugänglicher wird. Er ist von allen Seiten umschlossen von alten, fünfgeschossigen Altbau- häusern, fast alle in rotem Backstein. Einige Bereiche des riesigen Hinterhofs werden von Bewohnern als Gärten genutzt, der Großteil ist, wie bei mir, mit dornigem, stachligem Dickicht verwachsen. Es gibt jedoch ein paar idylische Inseln, in denen man es sich erstaunlich gemütlich machen kann. Miles hat mir davon erzählt. Er wohnt in einem der drei Häuser, die einen direkten, unterirdisch- en Zugang zu diesen Inseln haben. Ich wohne nun seit einigen Monaten in diesem Haus und ich habe noch nie etwas von diesen drei Inseln gehört. Ich nehme einen Schluck heißen Ingwertee und weiß, dass ich zu wenig Ingwer im Tee habe. Der Mai ist noch jung und die Temperaturen steigen schon über dreißig Grad. Es kommen gewaltige Gereiztheiten, Hitzeschocks und Schlaflosigkeiten auf die Menschen zu.

Meine Entdeckung von THC-Marihuana hat mich dann im Sommer endgültig davon abgehalten, das Schreiben an einem sehr bösen Buch namens "Der Eindringling" fortzusetzen. Ursprünglich wollte ich einen kleinen Roman in Ich-Perspektive über jemanden schreiben, der seine pädophilen und koprophilen Lüste entdeckt und sich in ein kotiges, menschenverachtendes Ungeheuer verwandelt. Ich wollte, dass die Leser langsam immer tiefer in den Sumpf hinabsinken, indem sie in die Ego-Perspektive eines Verbrechers hineinwachsen. Es sollte ein gründlicher Angriff auf die bürgerliche Moral sein, ein düsterer Strom des Selbsthasses, der sinnlosen Gewalt, der blinden, biologischen Gier. Meine Eltern sollten derart erschrecken, dass sie nie mehr Kontakt zu mir suchen würden. Bis zum hässlichen Kern einer bösen Identität wollte ich gelangen, ihn offenlegen und langsam in der Sonne verrotten sehen. Doch meine erste substanzinduzierte, psychedelische Erfahrung hat die karge Wohnung, in der ich diese finsteren Pläne ausheckte, in einen Komposthaufen verwandelt, auf dem die "Blumen & Löcher"-Bücher entstanden sind. Die fröhlichen Schwingungen des Grases waren so viel verlockender als die misanthropischen Sackgassen. Über viele glückliche Umstände, die direkt oder indirekt mit Gras zusammen- hängen, fand ich neue Freunde, neue Musik, eine neue Freundlichkeit in mir, die die Grundlage meiner Dreißiger Jahre bilden soll. Erfurt sollte nicht mehr mein Gesicht, meine Sprache, meine Liebesfähigkeit beeinflussen. Frei wollte ich werden und frei wurde ich. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich statt Hanf Bier für mich entdeckt hätte. Für mich waren diese psychedelischen Jahre enorm lustvoll und erkenntnisreich und brachten mir viele neue Songs und Küsschen. Der Zauber der ersten paar Jahre ist nun verblasst; das Gras ist mein täglicher Begleiter, nach wie vor ein freundlicher, aber die Faszination ist nicht mehr da. Ich fühle mich ein wenig reifer, wenn ich die Aufzeichnungen von damals wieder lese und vermisse nun ein wenig dieses abenteuerliche Gefühl, ein neues Werkzeug entdeckt zu haben oder einen neuen Raum in der Wohnung, in der man seit dreißig Jahren wohnt. Heute ist Gras eine nette Routine, die mich bisschen polstert gegen die grellen, grauen Feindseligkeiten außerhalb meines Zimmers. Schon allein weil diese Droge theoretisch jeden Menschen freundlicher, verpeilter, skeptischer, kindlicher machen kann (nicht in jedem Setting natürlich), sollten wir optimistisch sein: wir dürfen nicht die emanzipatorischen, antifaschistischen, antikapitalistischen Effekte des Graskonsums auf Wahlberechtigte unterschätzen. Mir hat Cannabis gut getan, mich erweitert und heiterer gemacht, warum sollte unserem grauen Ostdeutschland nicht auch ein bisschen Kräuterrauch gut tun? Ostdeutschland ist ein Wort, ein Zustand, ein Gefühl, eine Region, eine Idee. Wie ernst wollen wir welche Ideen nehmen? Diese Frage stellt sich unter dem Einfluss von Cannabis ganz neu. Und wir sind dazu aufgerufen, neu zu antworten.